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Akut Arme: Viele, aber nicht mehr als bisher

Analyse. 467.000 Österreicher müssen Entbehrungen hinnehmen. Wer glaubt, dass seien viel mehr als früher, irrt.

Armut ist, darauf haben sich die Sozialforscher geeinigt, immer auch eine Sache der mangelnden Teilhabe am allgemeinen Wohlstand. Wer sich deutlich weniger leisten kann als der Durchschnitt, der ist arm - auch wenn es ihm an nichts Lebensnotwendigem fehlt.

Wie misst man aber, wie vielen es schlechter geht - und ab welchem Punkt kann man wirklich von "arm" reden? Erster Ansatzpunkt in der EU-Sozialstatistik ist dazu die Armutsgefährdung (siehe "Presse" vom 3. Jänner). Sie zeigt, wie viele Personen mit einem stark unterdurchschnittlichen Einkommen auskommen müssen. Ob diese Personen aber auch wirklich arm sind, kann man erst beantworten, wenn man weiß, was sie sich mit ihrem geringen Einkommen leisten oder nicht leisten können. Deswegen befragt die Statistik Austria in ihrer jährlichen Haushaltsumfrage, ob der Betreffende auf normale Wohlstands-Merkmale aus finanziellen Gründen verzichten muss.

Davon ausgehend kommt die Statistik dann auf den Terminus "verfestigte Armut" und stellt fest, dass diese in Österreich im Jahr 2002 (jüngere Daten liegen erst in Kürze vor) 467.000 Menschen, oder 5,9 Prozent der Gesamtbevölkerung betraf. Weil in der davor liegenden Umfrage aus dem Jahr 2000 ein Prozentsatz von nur 4,0 "akut Armer", und eine Zahl von 290.000 angegeben war, nehmen das viele zum Anlass, um von einem drastischen Anstieg der Armut in Österreich zu sprechen. Sie übersehen (oder unterschlagen) dabei, dass sich die beiden Angaben auf unterschiedliche Methoden beziehen. Selbst in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia ist diese grobe Verfälschung zu finden.

Für das Jahr 2002 wurde nämlich erstmals der Kriterienkatalog für die Entbehrungen deutlich erweitert (siehe Grafik). Als "verfestigt arm" gilt demnach, wer in einem von fünf Benachteiligungsfeldern mehrfach beeinträchtigt ist. Das kann etwa sein, wer im 1. oder 2. Feld (die "primäre" bzw. "sekundäre Benachteiligung der Lebensführung") dreimal beeinträchtigt ist - etwa jemand, der sich keinen Urlaub, keine neuen Kleider und keine unerwarteten Ausgaben leisten kann. Oder jemand, der aus Kostengründen weder einen Pkw, noch einen PC, noch einen Geschirrspüler besitzt.

Bei den anderen drei Feldern reichen je zwei Beeinträchtigungen: Verfestigte Armut trifft also auf jemanden zu, der eine schimmlige Wohnung ohne Bad, Dusche oder WC bewohnt. Oder wer seit mindestens einem halben Jahr schwer behindert und chronisch krank ist. Oder wer im Wohnumfeld unter Lärmbelästigung und Kriminalität leidet.

Kleine Freude am Rande: Obwohl EU-weit als Kriterien anerkannt, wurde sowohl die Unterlassung eines Arztbesuchs aus finanziellen Gründen wie auch das Fehlen eines Fernsehapparats aus der österreichischen Statistik gestrichen: Es gab kaum Personen, die hier ihr Häkchen gemacht hatten.

"Verfestigte Armut" liegt allerdings nur dann vor, wenn gleichzeitig auch das gewichtete Haushaltseinkommen des Betreffenden unter der Armutsgefährdungsschwelle (60 Prozent des mittleren österreichischen Einkommens) liegt. Sonst spricht die Statistik bloß von "mangelnder Teilhabe".

Vor dem Jahr 2002 war hingegen die Erhebung anders. Da wurde man nach nur sechs verschiedenen Kriterien gefragt (etwa: Kann man sich angemessene Wohnung oder Kleidung leisten?). Deklarierte man sich bei einem dieser Kriterien als benachteiligt, so galt man als "akut arm" (sofern auch das Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle lag).

Laut Nadja Lamei, die in der Statistik Austria diese Erhebung mitbetreut, ist es wahrscheinlicher, in der neuen Erhebungsmethode als arm registriert zu werden als in der alten. Sie nimmt an, dass die 5,9 Prozent "verfestigt Armen" in etwa den 4,0 Prozent "akut Armen" aus der älteren Erhebung entsprechen.

Der Schluss, dass die Zahl der akut Armen sich deutlich vergrößert habe, ist somit nicht zulässig. Das wird noch unterstrichen durch die Ausführungen in den Statistischen Nachrichten aus dem April 2005, wo es heißt: Das alte Konzept der "akuten Armut" sei noch "am ähnlichsten" dem 1. Feld der neuen Erhebung, der "primären Benachteiligung der Lebensführung", das 3,2 Prozent der Bevölkerung als verfestigt arm ausweist. Die Ergebnisse, so die Statistik Austria unzweideutig, seien aber "nicht vergleichbar".

Morgen in der "Presse": Die rätselhafte Vermehrung der Sozialhilfe-Empfänger.