"Für Finanzmärkte gibt es nichts Schlimmeres"

Fuer Finanzmaerkte gibt nichts
Fuer Finanzmaerkte gibt nichts(c) Reuters (Alex Domanski)
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Nach der unklaren Lage in Griechenland kehrt die Unsicherheit an die Märkte zurück. Die europäischen Börsen gehen auf Talfahrt, der Euro sinkt auf unter 1,27 Dollar.

Die Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen eines möglichen Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone hat den europäischen Börsen am Mittwoch erneut stark zugesetzt. Aktienindizes fielen auf neue Tiefstände, der Euro durchbrach die Marke von 1,27 Dollar, während der Bund-Future sein Rekordhoch einstellte. "Beim Thema Griechenland fühlt man sich in den Status von vor ein paar Monaten zurückversetzt - keiner weiß so richtig wie es weitergeht", sagte ein Börsianer. "Für die Finanzmärkte gibt es nichts Schlimmeres als Unsicherheit."

Ein anderer Händler betonte: "Der Eintritt in die Euro-Zone sollte eigentlich unwiderruflich sein. Sie hatten alle Brücken eingerissen, damit niemand auf die andere Seite des Flusses zurückgelangen kann. Nun sieht es aber danach aus, als ob die Griechen hinüberschwimmen wollen."

Lage in Spanien ist prekär

Für Spanien hat sich die Lage am Anleihemarkt erneut drastisch verschlechtert. Die Rendite für Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren kletterte am Mittwoch von 6,322 auf 6,508 Prozent. Damit liegt der Risikoaufschlag zu deutschen Papieren, die immer noch als sehr sicher gelten, bei 5,07 Prozentpunkten - so hoch wie noch nie. Die Risikoprämie für spanische Anleihen hatte bereits am Dienstag infolge der gescheiterten Verhandlungen zur Regierungsbildung in Griechenland einen Rekordstand erreicht. Auch die Prämie für Kreditausfallversicherungen (CDS) für zehnjährige spanische Staatsanleihen stieg auf einen neuen Höchstwert von 504,72 Basispunkten.

An der Madrider Börse machte sich Panik unter den Investoren breit. Der führende spanische Ibex-Index fiel im frühen Handel um 111,30 auf 6589 Punkte, den niedrigsten Stand seit Juni 2003. Die Aktie des in der vergangenen Woche teilverstaatlichten Geldhauses Bankia verbuchte zeitweise mit 10,10 Prozent den stärksten Verlust.

ATX verliert auch am Mittwoch deutlich

Auch die Wiener Börse hat ihre Talfahrt der letzten beiden Tage heute, Mittwoch, im frühen Handel weiter fortgesetzt. Nach Ablauf der meisten Eröffnungsauktionen wurde der ATX um 9.45 Uhr bei hohem Volumen mit 1.866,47 Punkten nach 1.909,95 Einheiten am Dienstag errechnet, das ist ein deutliches Minus von 43,48 Punkten bzw. 2,28 Prozent. Im weiteren Verlauf verringerte sich das Minus jedoch auf 1,5 Prozent.

Der Dax fiel um 1,6 Prozent auf 6.297,38 Punkte und lag damit auf dem niedrigsten Stand seit Mitte Jänner. Der EuroStoxx50 rutschte zeitweise auf ein neues Fünfeinhalb-Monats-Tief von 2.146,78 Zählern ab. Die italienischen und spanischen Aktienwerte mussten ebenfalls weitere Kursverluste einstecken. Der Mailänder FTMib fiel auf ein Drei-Jahres-Tief und der Madrider Ibex notierte so niedrig wie zuletzt im Juni 2003.

Gold momentan kein "sicherer Hafen"

Investoren trennten sich außerdem vom Euro. Die Gemeinschaftswährung fiel auf ein neues Viermonatstief von 1,2679 Dollar. Auf der Verkaufsliste standen auch die Anleihen anderer hoch verschuldeter Euro-Länder wie Italien, Spanien oder Irland. Die Renditen der jeweiligen zehnjährigen Titel stiegen auf 6,103 Prozent, 6,498 Prozent und 7,546 Prozent.

Auf ihrer Suche nach einem "sicheren Hafen" nahmen Anleger Kurs auf deutsche Bundesanleihen. Deren Rendite lag mit 1,438 Prozent gerade einmal 0,4 Ticks über ihrem bisherigen Rekordtief. Der Bund-Future stellte mit 143,69 Punkten seine bisherige Bestmarke vom Montag ein. Ein anderer "sicherer Hafen" fällt jedoch aus: Der Gold-Preis fiel um 0,8 Prozent auf 1.532,09 Dollar (1.192,94 Euro) je Feinunze und war so billig wie zuletzt im Jänner. "Alle drängen in den US-Dollar, und ein starker Dollar ist schlecht für Gold", sagte Rohstoff-Experte Ronald Leung von Cheong Gold Dealers.

Griechen steuern in Richtung Zahlungsunfähigkeit

Rohöl, Kupfer und Co. litten neben der Verunsicherung über die wirtschaftliche Zukunft Europas unter der Aufwertung des Dollar. Da viele Anleger in die Weltleitwährung flüchteten, notierte der Dollar-Index so hoch wie zuletzt im Jänner.

Börsianer befürchten, dass bei den anstehenden Neuwahlen in Griechenland die Sparkurs-Kritiker weiteren Zulauf erhalten und die neue Regierung den Sanierungspakt mit EU und Internationalen Währungsfonds (IWF) aufkündigt. Investoren gehen davon aus, dass der hoch verschuldete Mittelmeer-Anrainer damit auf die Zahlungsunfähigkeit zusteuert.

"Eine Frage des politischen Willens"

"Die unmittelbaren Kosten eines Euro-Austritts wären für Griechenland zwar enorm, aber beherrschbar", sagte Finanzmarkt-Expertin Michala Marcussen von der Societe Generale. "Unsere Sorge gilt den Ansteckungseffekten. Eine schnelle und kraftvolle Reaktion wäre nötig. Dies ist eine Frage des politischen Willens."

Bei den Einzelwerten zählten einmal mehr die Finanzwerte zu den Verlierern, die üblicherweise sensibel auf alle Nachrichten rund um die Schuldenkrise reagieren. Deutsche Bank und Commerzbank verloren jeweils ein halbes Prozent. Der europäische Bankenindex büßte 0,6 Prozent ein.

(Ag.)

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