Ein Uni-Professor stiftete seine Studenten dazu an, Lügengeschichte(n) im Internet zu verbreiten. Mit kurzem Erfolg.
In den Überresten einer Brauerei wird das Originalrezept des Biers „Brown's Ale“ gefunden; eine Frau findet heraus, dass ein längst verstorbener Verwandter ein Serienmörder gewesen sein könnte; eine Studentin entdeckt die Geschichte des „letzten amerikanischen Piraten“. Diese historischen Sensatiönchen wurden in den vergangenen Jahren im Internet verbreitet und haben nur einen Schönheitsfehler: Nichts davon ist wahr.
Internetvandalismus sagt man dazu gern. Die Geschichten wurden allerdings von angehenden Geschichtswissenschaftlern an der US-amerikanischen George Mason University in die Welt gesetzt. In seinem Seminar „Lying about the past“ hatte der angesehene Historiker T. Mills Kelly in pädagogischer Absicht die Studenten beauftragt, fiktive historische Ereignisse auszutüfteln und möglichst glaubwürdig im Internet zu verbreiten. Was zum Teil eine Zeit lang gelang, mithilfe von Blogs, fiktiven Interviews auf YouTube, Wikipedia-Einträgen, Facebook, Twitter etc.
Die Piratengeschichte schaffte es sogar in den Onlineteil von „USA Today“. Das war 2008, beim ersten Kurs. Beim zweiten, 2012, flog der Schwindel auf. Studenten hatten die „junge Frau stößt auf Serienmörder-Verwandten“-Story unter anderem auf der „Social News“-Seite „Reddit“ gepostet, wo der Schwindel rasch erkannt wurde.
Kein Wunder, werden doch auf Reddit gepostete Nachrichten von Mitgliedern bewertet und kommentiert, was bei den Konsumenten Skepsis unterstützt. Auf Wikipedia ist der Diskussionsteil abgetrennt. Aber dass die falschen Wikipedia-Einträge nicht gleich entlarvt wurden, liegt auch daran, dass sie kaum Beachtung fanden.
In Wahrheit haben es „Lügen über die Geschichte“ heute nicht leichter, sondern schwerer denn je. Sie verbreiten sich zwar schneller, werden aber auch so rasch wie noch nie entlarvt. Einst genügte eine Urkundenfälschung, um der Kirche einen Staat zu verschaffen oder aus Österreich ein Erzherzogtum zu machen. Heute kann die US-Regierung dank WikiLeaks nicht einmal für ein paar Jahre ihre Version der Zeitgeschichte (Stichwort Irak-Krieg) öffentlich aufrechterhalten. Orwells Roman „1984“ erinnert daran, dass sogar die Möglichkeit, Personen aus Fotografien und damit Geschichtsdokumenten wegzuretuschieren, bereits vor der Digitalfotografie bestand.
Viele Wikipedia-Mitarbeiter und Internetnutzer haben Kellys unkonventionelle Pädagogik gegeißelt, etwa als Unterminierung des Vertrauens in Wikipedia. Da erging es Loriots „Steinlaus“ einst anders. In den 1980er-Jahren wurde sie in die Medizinbibel „Pschyrembel“ eingeschmuggelt. Die Herausgeber bemerkten es Jahre später und zensierten die Laus hinaus. Aber sie kam wieder, die Benutzer des „Pschyrembel“ wollten es so.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2012)