Entwicklungshilfe

Wenn europäisches Know-how in die Dritte Welt transferiert wird, kann das die Basis für eine effektive Entwicklungshilfe sein.

Die herkömmliche Entwicklungshilfe steckt in der Krise. Abgesehen davon, dass kaum ein Industrieland so viel Geld dafür bereitstellt, wie laut internationalen Abkommen erforderlich wäre – Österreich ist da keine Ausnahme –, ist den Adressaten oft nicht wirklich geholfen. Sei es, weil manche Projekte nur kurzfristig wirken, sei es, weil Geld immer wieder in dunklen Kanälen versickert.

Womit natürlich nicht gesagt ist, dass es nicht trotzdem viele Projekte gibt, bei denen Menschen langfristig geholfen wird. Eines davon wird vom Verein „Tierärzte ohne Grenzen“ durchgeführt: Dessen Präsidentin Dagmar Schoder, im Brotberuf Forscherin an der Vet-Med-Uni Wien, hilft Massai in Tansania beim Aufbau einer modernen Milchwirtschaft. Dieser Wirtschaftszweig hat dort eine lange Tradition, die Menschen sind laktosetolerant. Bedingt durch die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte hat die Branche aber große Probleme – von schlechter Tiergesundheit über massiven Antibiotika-Missbrauch bis hin zu mangelhaften Strukturen.

Seit 2004 versucht Schoder, mit ihrem Know-how die Lage zu verbessern. Ziel ist es, das Einkommen der Milchbauern zu steigern, unter anderem durch die Produktion von Käse (der in Afrika einen wahren Boom erlebt) – wobei traditionelle Verfahren durch moderne Methoden ergänzt werden. Finanziert wird das Projekt vor allem durch die Aktion „Impfen für Afrika“, bei der ab morgen mehr als 150 Tierärzte mitmachen: Sie spenden eine Woche lang die Hälfte aller Impfeinnahmen von Heim- und Haustieren. Nach jahrelanger Aufbauarbeit gibt es nun die ersten Erfolge: Seit März produzieren die Massai dreimal in der Woche Käse, die Vermarktung startet im Juni. Als Nächstes soll nun die junge Parakyo-Massai Tumaini Laban Moreto zur ersten Tierärztin ihres Volkes ausgebildet werden.

Schoder hat auf ihren Reisen nach Tansania auch eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht. Nach dem Skandal um mit Melamin verseuchtes Milchpulver in China hat sie in Ostafrika Milchpulverproben gezogen und analysiert. Das Ergebnis: In elf Prozent der Proben war Melamin nachweisbar. Besonders auffällig dabei war, dass eher Milchpulver von internationalen Marken betroffen war als lose gehandeltes Pulver auf den lokalen Schwarzmärkten. Im Einzelfall ist es klarerweise nicht beweisbar, aber der Schluss liegt schon nahe, dass verseuchtes Milchpulver nach dem Auffliegen des Skandals in China umetikettiert und auf Märkten in anderen Teilen der Welt „entsorgt“ wurde, wo die Kontrollen noch viel ungenauer sind.

Soviel zum Thema, wie der reiche Teil der Welt bisweilen mit Entwicklungsländern umgeht.

martin.kugler@diepresse.com

DiePresse.com/Wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)

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