Die Party zum Börsengang von Facebook ist vorbei. Was aber wird dieses "soziale Medium" in zehn Jahren wert sein? Es kommt darauf an, ob man in Dollar oder Drachmen rechnet.
Was bedeutet Facebook für die Börse, außer, dass der Chef dieser Firma, Mark Zuckerberg, und einige Investmentbanker am Freitag recht schöne Gewinne gemacht haben? Üblicherweise verlässt sich der Mediator in delikaten finanziellen Angelegenheiten auf das Urteil von Josef Urschitz. Der hat meistens recht und ist, wie sein Leitartikel in der „Presse“ vom Samstag zeigt, aus guten Gründen skeptisch gegenüber diesem „globalen Geschwindigkeitswettbewerb“. Aber beim Erlös von 16 Mrd. Dollar und einem kolportierten Marktwert von gut 100 Mrd. Dollar sind eine zweite und dritte Meinung vielleicht doch interessant.
Was sagen Zeitungen, denen ich ökonomisch ebenfalls traue? Jene, die zwar in Stilfragen liberal sind, bei Geld aber stockkonservativ wie die besten Schweizer Privatbanken. „The Economist“hielt sich kurz vor der Nasdaq-Platzierung von Facebookin der Bewertung noch zurück, bringt jedoch eine interessante Notiz: Das Aktienangebot wurde um 25 Prozent erhöht, weil viele jener Großanleger, die zuvor private Anteile besaßen, eine Menge davon bereits abstießen – in Erwartung rascher Gewinne.
Wer aber kauft dann solche Aktien, von denen am Freitag 460 Millionen gehandelt wurden? News-Junkies? Desperados? Die „Neue Zürcher Zeitung“, für die das Börsendebüt „das Ende der Adoleszenz“ von Facebook ist, weiß bereits, wer: „Die Aktien des Unternehmens liegen nun nicht mehr in den Händen von Venture Capitalists und anderen risikoaffinen Investoren. Vielmehr sind es überwiegend institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Versicherungen und Aktienfonds, die die Titel halten.“
Das raubt mir die Illusion, bloß Zuseher eines virtuell anmutenden Börsenspiels zu sein. Jeder Sparer, der Vorsorge trifft, wird in den nächsten Jahren von den luftigen Geschäften des Herrn Zuckerberg und seiner windgeprüften Partner an der Wall Street betroffen sein. Die Jugend für Facebook ist laut „NZZ“vorbei. „Der Wunderknabe wird erwachsen“, kommentiert auch „The Financial Times“ und klingt besorgt über den stotternden Start.
Geisterstadt. Das letzte Wort aber soll eine seriöse Zeitung haben, die auch die Queen schätzt. „The Daily Telegraph“konstatiert bereits „A bad case of Facebook fatigue“. Diese Firma ist für Kolumnist Michael Deacon, der sich als ehemaliger Facebook- Süchtiger deklariert, längst passé. In wenigen Jahren werde sie „eine so traurige und einsame Geisterstadt sein wie MySpace“. Seine simple Rechnung: Ein Unternehmen, das viel wert sei, müsse auch viel Geld verdienen. Aber womit, außer mit dem Börsengang? Mit Werbung, die Gratissurfer ignorieren? Facebook fühle sich bereits wie die einsamste Party der Welt an. Das lässt Deacon auf eine Neubewertung schließen, die mich überzeugt: „In zehn Jahren wird Griechenland Facebook kaufen. Es wird 50 Drachmen und eine Flasche Ouzo kosten.“
DiePresse.com/mediator
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)