In der neuen Wissenschaft namens NeuroIS wird die Informationssystem- Forschung mit der Neurobiologie verknüpft – mit eindrucksvollen Ergebnissen.
Die Situation kennt man nur zu gut: Man arbeitet am Computer und plötzlich poppt eine Fehlermeldung auf dem Bildschirm auf. Der Computer ist abgestürzt. Dabei bleibt kaum jemand ruhig. Im Gegenteil: Man ist böse auf die Technik, man ärgert sich, man ist gestresst. Wie Forscher nun herausgefunden haben, ist das keineswegs nur ein subjektiver Eindruck. Vielmehr hat eine Gruppe um René Riedl (Institut für Wirtschaftsinformatik der Uni Linz) diesen „Technostress“ hieb- und stichfest gemessen.
Dazu hat Riedl gemeinsam mit Forschern der FH Oberösterreich in Steyr und dem AKH Linz Versuchspersonen am Computer eine einfache Aufgabe lösen lassen. Vor Beginn wurde der Gehalt des Stresshormons Kortisol im Speichel gemessen. Bei einer Gruppe von Probanden ging das Experiment ohne Überraschungen zu Ende, bei der zweiten Gruppe erschien unvermutet ein Fenster auf dem Bildschirm, das einen „schwerwiegenden Ausnahmefehler“ meldete. Danach wurde erneut der Kortisolgehalt gemessen. Das Ergebnis war eindeutig: Menschen, denen ein Systemabsturz signalisiert wurde, wiesen einen signifikant höheren Kortisolspiegel auf.
Dieses Forschungsprojekt ist ein gutes Beispiel für die neue Forschungsrichtung namens „NeuroIS“: Diese verknüpft die herkömmliche Informationssystem-Forschung (IS) mit Erkenntnissen und Methoden der Neurobiologie. Wie Riedl erläutert, bringt das für Computerwissenschaftler zwei Fortschritte: Zum einen ermöglicht es neue Erklärungen des menschlichen Umgangs mit IT-Systemen, zum anderen helfen die Ergebnisse bei der besseren Gestaltung von Systemen.
Riedl demonstriert das anhand eines Projekts, in dem die Vertrauenswürdigkeit von Internetseiten analysiert wurde – und zwar durch „funktionale Magnetresonanz-Tomografie“ (fMRT). Mit dieser Methode kann man die Aktivität von Hirnarealen messen, weil sauerstoffreiches und -armes Blut unterschiedliche magnetische Eigenschaften haben. Die konkrete Fragestellung bei diesem Versuch war: Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Denn aufgrund unzähliger Studien gibt es die Vermutung, dass Frauen beim Einkaufen im Internet ein höheres Risiko wahrnehmen und die Vertrauenswürdigkeit von Online-Shopping tendenziell schlechter beurteilen als Männer.
Eine Erklärung dafür hatte man bisher nicht. Die fMRT-Messungen brachten aber eine klare Aussage: Bei Frauen ist das limbische System aktiver als bei Männern – in diesem werden vor allem Emotionen verarbeitet. Bei Männern hingegen dominieren Strukturen des präfrontalen Kortex, die eher dem rationalen Denken dienen. Und: Bei Frauen sind mehr Gehirnstrukturen aktiviert als bei Männern – sie verarbeiten also mehr Informationen, und diese umfassender und detaillierter. Riedl warnt aber vor voreiligen Schlüssen: „Das Geschlecht ist nur ein Faktor. Viele Variablen – von der Persönlichkeit bis hin zum Alter – haben einen Einfluss darauf, wie wir Benutzeroberflächen wahrnehmen.“
Durch gezielte Gestaltung kann man jedenfalls die Vertrauenswürdigkeit einer Internetseite beeinflussen. Riedl hat das in Kooperation mit Kollegen der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen getestet: Dabei wurde ein Produkt – ein USB-Stick – auf vier verschiedene Arten präsentiert: nur als Bild, mit einer kurzen Behauptung, wie gut das Produkt sei, mit einer ausführlichen Beschreibung und schließlich mit unabhängigen Studien untermauert. Laut der klassischen Argumentationstheorie von Stephen Toulmin sollte das Vertrauen steigen, wenn eine Behauptung mit Daten unterlegt wird. Das wurde durch die fMRT-Messungen bestätigt: Je mehr Information verfügbar sind, umso stärker ist die Gehirnregion namens ACC („anterior cingulate cortex“) aktiviert. Diese ist, wie man aus vielen Studien weiß, notwendig, um Vertrauen zu bilden, sie sorgt u.a. bei kognitiven Konflikten für die Balance zwischen Nutzen und Risiko.
Solche Erkenntnisse ermöglichen nicht nur die Überprüfung von bisherigen Theorien, sie haben auch Auswirkungen auf die Gestaltung von IT-Systemen – von der Art der Informationsdarstellung (Bilder, Text) bis hin zu Designfragen, etwa Farben oder der Anordnung von Buttons –, die damit für bestimmte Nutzergruppen maßgeschneidert werden können.
Riedls Resümee aus den bisherigen Projekten: „Die neurobiologische Perspektive ist eine wertvolle Ergänzung zu den traditionellen Konzepten.“ Die neue Forschungsrichtung boomt derzeit, beim „Gmunden Retreat on NeuroIS“ treffen sich vom 3. bis 6. Juni rund 40 Forscher, um aktuelle Projekte zu diskutieren.
Die Biologie der Wirtschaft
Herkömmlicherweise wird das wirtschaftliche Verhalten von Menschen durch Befragungen oder durch Verhaltensstudien analysiert.
Einen dritten Zugang eröffnen nun biologische Messverfahren. So steuern etwa Hormone wie Oxytocin, Kortisol oder Testosteron das Verhalten mit. Aber auch die Analyse der Hautleitfähigkeit, von Augenbewegungen oder der Herzschlag-Frequenz sagen etwas über die Umstände von Entscheidungen aus. Noch genauere Daten bekommt man aus Elektroenzephalogrammen (EEG) oder der Magnetresonanz-Tomografie (MRT).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2012)