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„Migrantenkinder werden stets nur im Negativen definiert“

Sprachenvielfalt. Ingrid Gogolin, Expertin für Migration und Bildung, kritisiert, dass die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund meist in politischen Sonntagsreden beschworen wird, aber keinen Einzug in die praktische Umsetzung findet.

Die Presse: Von vielen wird derzeit die Integration von Migranten als größte bildungspolitische Herausforderung begriffen. Teilen Sie diese Auffassung?

Ingrid Gogolin: Integration ist ein allgemeineres Thema. Die Frage ist: Wie können wir in der komplexen Gesellschaft, in der wir leben, möglichst viele Mitglieder durch Bildung dazu befähigen, dass sie an dieser Gesellschaft teilhaben können. Es gibt bestimmte Gruppen in dieser Gesellschaft, die gegenüber anderen systematisch benachteiligt sind. Und dazu gehören Migranten. Weil sie Lebensbedingungen haben, die ihre Lage verschlechtern, zum Beispiel ein geringes Einkommen. Diese Gruppe wird wachsen. Also hat die Gesellschaft ein Problem, wenn sie nicht Begabungen verlieren will.

Unter welchem Paradigma nimmt

sich Ihrer Ansicht nach die Politik dieser Thematik an?

Die Bildungspolitik ist in dieser Hinsicht sehr schillernd. Auf der einen Seite finden Sie die politischen Rhetoriken, die großartig davon handeln, dass man allen Kindern gerecht werden müsse. Aber das ist nur die eine Seite. Das Grundproblem im Hinblick auf Kinder mit Migrationshintergrund ist, dass man sie stets im Negativen definiert. Die können nicht gut Deutsch, die werden nicht integriert und so weiter. Was sie denn aber sind, wird politisch gar nicht aufgegriffen.

Und was wäre das?

Etwa, dass ein Migrantenkind schon vor dem Schuleintritt zwei oder drei Sprachen spricht. Das ist eine andere Art von Blick, der politisch auf der Ebene von Sonntagsreden als Anspruch an Bildungsinstitutionen formuliert wird, aber nicht auf der Ebene von praktischem Handeln.

Was müsste man in den Schulen machen, um diese Sprachenvielfalt zu nützen?

Man müsste endlich anerkennen, dass auch Sprachen außer dem Deutschen wertvoll sind. Ein Kind, das mehrsprachig aufwächst, hat in der Regel einen kognitiven Vorsprung. In der Realität wird dieser Vorsprung oft aber nicht schlagend, weil manche Sprachen sozial schlecht bewertet werden. Wenn etwa das Kind eines französischen Diplomaten in eine Schule kommt und ein kleines bisschen mit Akzent spricht, dann sagen alle: „Ach wie süß, dieses Kind ist so toll begabt und kann schon richtig viel.“ Wenn aber ein Kind aus einer Bevölkerungsgruppe, die nicht so angesehen ist, in die Schule kommt, wird die gleiche Begabung in einen Nachteil umgemünzt.

Was ist die Handlungsableitung?

Man muss das, was damit an Vorsprung und Möglichkeiten des Lernens verbunden ist, nützen. Die Konstellation einer mehrsprachigen Klasse wäre ausgezeichnet geeignet, um Deutsch zu lernen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2012)