"Villa + Discurso" von Guillermo Calderón bot einen wahren Blütenstrauß von Einfällen und begeisterte mit subtilem Spiel.
Das hätte ins Auge gehen können: Bei der Premiere von „Villa + Discurso“ von Guillermo Calderón im „Brut“ Freitagabend fiel kurzzeitig die Übertitelung aus. Das hätte bei einem Stück, in dem das Wort derart dominiert wie hier, mühsam werden können. Aber die Panne dauerte nicht lang.
Drei Frauen sitzen an einem Tisch und befassen sich mit dem Gedenken an die Villa Grimaldi, die das größte und bekannteste Folter- und Mordzentrum in Chile während der Militärdiktatur von 1973 bis 1990 war. Francisca Lewin, Marcarena Zamudio und Carla Romero sollen über die neue Nutzung des Geländes beraten. Die Villa ist heute eine Gedenkstätte, es handelt sich also um eine Rückblende. Dokumentarisches Museum oder moderne Kunst? Das ist die Frage. In der Folge allerdings entwickelt sich zwischen den dreien eine unheimliche Kontroverse, die ihrerseits gemilderte Formen von Terror, Mobbing, Denunziation zeigt. Die Grundfrage nach der Möglichkeit und Haltbarkeit von Erinnerung wird thematisiert. Will man nicht am liebsten vergessen? Was sagen tote Gegenstände und Computer, ja selbst Zeugnisse Überlebender über das entsetzliche Leid, das hier geschehen ist?
Kunstinstallation mit Schäferhund
Die Mädchen scheinen aber auch selbst unklar in ihrer Herkunft und Identität, jede erzählt eine andere Geschichte von sich, präsentiert sich als Opfer oder Nachkomme von Opfern – keine glaubt der anderen, keine glaubt an das Projekt. Es geht nur darum, die gesammelten Millionen auszugeben. Der Gipfel der Absurdität ist schließlich ein als Kunstinstallation gemeinter Zwinger mit einem deutschen Schäferhund. Da ist es doch sinnvoller, einen Park zu machen, in dem die Menschen sich vergnügen, picknicken und Popkonzerte hören können...
Immer wilder wird der Streit der drei, wobei eine Pointe darin liegt, dass es Frauen sind, die sich hier in einer gern als typisch männlich betrachteten Gruppendynamik aufreiben, in der das eigene Ego oft wichtiger als die Sache ist. Immer wieder wird diskutiert und abgestimmt. Eine wichtige Rolle spielen die Mapuche, streitbare Ureinwohner Chiles, deren Kampfruf „Marichiweu“ („Zehnmal werden wir siegen!“) auch als Losung für die junge Generation des Landes verstanden werden kann, die auf den Trümmern der Vergangenheit ein neues Leben aufbauen will. Nach der Pause kommt die erste weibliche Präsidentin Chiles, Michelle Bachelet zu Wort, die 2006–2010 im Amt war und auf ungewöhnliche Weise ihren Abschied nimmt, indem sie zwar, wie es sich gehört, sich selbst und ihre Leistungen lobt, aber auch mit Missständen und einem System abrechnet, das unwillig oder unfähig zu Reformen ist. Wieder sind die drei Schauspielerinnen am Wort. Das Maschinengewehrfeuer ihrer Bekenntnisse beginnt langsam, Kopfschmerzen zu verursachen, aber der zweite Teil ist mit seinen Bocksprüngen zwischen Floskeln und Ehrlichkeit nicht weniger interessant als der erste.
Totenbett und Wiederauferstehung
„Ich fühle mich wie auf einem Totenbett. Ich bin im September meines Lebens“, sagt die Präsidentin am Ende. Ihr Vater wurde gefoltert, starb im Gefängnis. Es gibt unverändert viel im Land zu bewältigen, aber sie wird nicht mehr dabei sein. Vielschichtig, fantasievoll ist diese Performance, die mit minimalem szenischen Aufwand aus einer Ferne erzählt, die auch viel mit uns zu tun hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2012)