"Die Enron-Pleite ist einfach passiert"

Milliarden-Pleite. Die Geschworenen haben mit der Urteilsberatung begonnen.

Houston/Washington. Charlie Prestwood war ein vermögender Mann. Als er nach 33 Jahren in Pension ging, hatte der Enron-Angestellte 1.310.570 Dollar in seinem Pensionsfonds. Dann ging der Energiekonzern Pleite, und der 67-Jährige verlor seine gesamten Ersparnisse. Heute lebt Charlie Prestwood von der Sozialhilfe und hat nur noch einen Wunsch: Dass diejenigen, die für seinen Verlust verantwortlich sind, hinter Gitter kommen.

Seit gestern, Mittwoch, beraten zwölf Männer und Frauen in Houston (US-Bundesstaat Texas) darüber, ob Prestwoods Wunsch in Erfüllung gehen soll; ob Enron-Gründer Ken Lay und der frühere Geschäftsführer Jeff Skilling bewusst über den finanziellen Zustand der Firma gelogen haben und Bilanzen fälschen ließen, während sie selbst kurz vor dem Kollaps Aktien im Wert von 500 Millionen Dollar verkauften.

Die beiden Manager sollen das einstmals größte Energieunternehmen der Welt vor viereinhalb Jahren in die bis dahin größte Pleite in der US-Geschichte geführt haben: 60 Mrd. Dollar war die Firma wert, bevor sie Bankrott erklärte. Der Aktienkurs sackte von 90 Dollar auf weniger als einen Dollar ab, und die Firmenpension für Zehntausende Angestellte in Höhe von 2,1 Mrd. Dollar war mit einem Schlag nichts mehr wert.

15 Wochen lang hat die Staatsanwaltschaft versucht, Skilling und Lay die direkte Involvierung in den Milliardenskandal nachzuweisen. Als Kronzeuge sagte Andrew Fastow aus, früherer Finanzchef von Enron und selbst tief in den Skandal verwickelt. Im Gegenzug für seine Kooperation muss Fastow "nur" für zehn Jahre hinter Gitter.

Lay und Skilling droht die zwei- bis vierfache Strafe, falls sie die Geschworenen in allen 34 Anklagepunkten (28 davon betreffen Skillings Verhalten) schuldig sprechen. Damit das nicht passiert, haben die beiden bereits einiges aufgeboten: 30 Mill. Dollar hat das Anwaltsteam bisher gekostet. Und dieses wird noch einiges zu tun haben: Denn neben dem strafrechtlichen Prozess drohen Lay und Skilling eine Reihe von Schadenersatzprozessen von Menschen, die bei der Pleite ihr Geld verloren haben. Die Verteidiger erklärten, nicht Betrug sei für die Pleite verantwortlich gewesen, sondern höchstens schlechtes Urteilsvermögen. "Das ist einfach passiert", erklärte Anwalt Daniel Petrocelli zum Bankrott, "Betrug hat damit nichts zu tun." Skilling habe gar versucht, den wankenden Riesen aufzufangen, und dafür rund 70 Mill. Dollar aus seinem Privatvermögen zur Verfügung gestellt.

Der Anklage warf Petrocelli wiederum vor, Fakten verdreht und teils erfunden zu haben. "Man hat etwas fabriziert, weil es hier um Enron geht", sagte der Verteidiger, "um eine der größten Pleiten der US-Geschichte. Und irgendjemand muss dafür bezahlen." Seine Klienten habe man als Sündenböcke auserkoren.

Mit einem Urteil rechnet man frühestens Anfang kommender Woche.

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