Verdammte Schwule und vergessene Lesben?

Angeblich sagen das Alte Testament und Paulus, dass Homosexualität Sünde ist. Aber es gibt gute Argumente gegen diese Auslegung.

Für viele Christen steht fest: Homosexualität ist Sünde. Wer diese Ansicht nicht ernst nimmt, nehme die Bibel nicht ernst, meinen sie. Aber auch Obama berief sich auf die Bibel, als er für die Ehe gleichgeschlechtlicher Partner plädierte. Und an der Debatte um homosexuelle Pastoren in der sächsischen Landeskirche, die fast zur Kirchenspaltung geführt hätte, sieht man, dass auch christliche Verteidiger der Homosexualität die Bibel auf ihrer Seite wähnen.

Die in der Genesis angeprangerten homosexuellen Praktiken der Sodomiten sind mit Gewalt und Ungerechtigkeit verbunden; nur als solche würden sie kritisiert, lautet ein Argument. Die am häufigsten angeführten zwei Stellen im Alten Testament entstammen aber dem Buch Leviticus: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel“ (18,22) und „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben“ (20,13). Eine Interpretation: Die Äußerungen seien nach der Tempelzerstörung entstanden, als man die kultische Reinheit besonders wichtig nahm. Möglicherweise würden sich die Stellen sogar speziell gegen die Hierodulen wenden, die eine rituelle Homosexualität praktizierten. Außerdem habe Jesus selbst die Reinheit des Herzens über kultische Reinheitsgebote gestellt.

Zur Homosexualität hat sich Jesus gar nicht geäußert, nur Paulus. „Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzenanbeter noch Ehebrecher noch Lustknaben und Knabenschänder werden das Reich Gottes erben“, heißt es in 1Kor 6,9f. Dass es hier nicht um eine pauschale Verwerfung von Homosexualität geht, ist weitgehend Konsens. Aber was ist mit Röm1, 26-27? „Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.“

Auch hier argumentieren einige mit dem Kontext: Zu Paulus' Zeit sei die einst angesehene Knabenliebe zur reinen Prostitution verkommen. Paulus habe den Hedonismus der dekadenten römischen Oberschicht im Blick gehabt. Außerdem sei Homosexualität hier nicht Ursache, sondern Folge der Abwendung von Gott. Der Begriff „para physin“ müsse nicht mit „widernatürlich“ übersetzt werden, er sei auch einfach im Sinn von „ungewöhnlich“ verwendet worden. Und „entehrend“ könne, statt moralisch, einfach als Verlust der Reputation verstanden werden.

Umstritten ist ferner, ob Paulus hier überhaupt von lesbischer Liebe (oder von anderen Praktiken) spricht. Wenn nicht, gibt es kein Bibelwort über weibliche Homosexualität. Somit dürften wörtliche Ausleger nur die männliche verwerfen. Das wäre fast so unsinnig wie zu glauben, dass der Hase ein Wiederkäuer ist oder alle, die samstags arbeiten, mit dem Tod bestraft gehören. Aber auch das steht in der Bibel.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)

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