Kramar und Lion spießen in der Uraufführung arge Polit-Sprüche auf. Auf der Bühne liefern sie eine bemerkenswerte, scharfe Analyse des politischen Stammtischniveaus in Österreich.
Im Keller des Nestroyhofes dürfen Zuseher des Hamakom-Theaters am Montag an einem riesigen Tisch Platz nehmen. Auf dem Tischtuch aus Papier steht überall: „Aus dem Zusammenhang gerissen“. Wie ein Wirtshaus wirkt die Bühne, und tatsächlich wird dem Publikum später Bier serviert werden. Aus dem Vorhang treten Hubsi Kramar und Frederic Lion mit einem fröhlichen Schalom hervor. 80 Minuten liefern der Direktor des 3Raum- und der des Hamakom-Theaters eine bemerkenswerte, scharfe Analyse des politischen Stammtischniveaus in Österreich unter besonderer Berücksichtigung der FPÖ: „Wir sind die neuen Juden“ nennen sie diesen Abend, der vor allem aus dem Verlesen enthüllender Zitate, Videos mit FPÖ-Chef H.-C. Strache und Räsonieren über die Zustände in einem Land besteht, das anscheinend besonders gefährdet ist, dem Laster der Xenophobie und des Antisemitismus im Speziellen zu verfallen.
Die Vorführung ist minimalistisch. Dadurch wirken „Sager“ österreichischer Politiker in ihrer angehäuften Form umso stärker. Böse Sprüche sind kein Privileg der Freiheitlichen, es wurden auch schändliche Sätze der Bundeskanzler Figl und Kreisky ausgegraben, des Bürgermeisters Lueger und seines Freundes Kunschak, des SPÖ-Ministers Helmer. Ein Typ brüllte einst sogar ungeniert „Saujud“ im Parlament.
Die Ansammlung gezielter Brutalität aber, die J. Haider, der verunglückte Langzeit-Chef des Dritten Lagers, und der jetzige FPÖ-Obmann H.-C. Strache verbreitet haben, ist atemberaubend. So viel negative Energie! Der Unterschied: Haider hatte eine diabolische Lust am Wortwitz, wenn er zündelte, Strache hingegen flüchtet bei beschränkter Rhetorik gern in die Opferrolle. Das wird exemplarisch an seinem Satz „Wir sind die neuen Juden“ gezeigt, den er laut „Standard“ im Jänner beim Ball der Korporierten in der Hofburg gesagt haben soll, nachdem radikale Demonstranten Gäste attackiert hatten. Strache ein verfolgter Ersatz-Jude? Im eingeblendeten ORF-Interview spielt er ihn erbarmungswürdig. Schräg sind auch Ausschnitte aus seinen Aschermittwoch-Tiraden. Dieses Opfer traut sich alles zu.
„Faschisten in der Maske der Demokraten“
Derbe Trinksprüche von Burschenschaftern, Vulgäres vom blauen Ideologen Mölzer, Polemiken wie die von Frau Winter gegen Mohammed, Graf gegen den Chef der Kultusgemeinde und Gudenus zu Gaskammern runden das Sittenbild ab. Als irre Ergänzung wird eine kühl von einem Schauspieler vorgetragene Rede des SS-Führers Himmler gebracht, der die Rolle von Opfer und Täter bereist 1943 umkehrte. Der Abend endet mit einer etwas eitlen Inszenierung – Kramars Aktionismus als Hitler-Parodie beim Opernball 2000 – sowie traurigen Erinnerungen Lions an eine verhinderte wirkliche Restitution. Als Fazit aber gibt es strenge Philosophen: Jeanne Hersch, Jean-Paul Sarte. Und Theodor W. Adorno. Der fürchtete sich vor der „Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten“. Nachdenklicher Applaus.
Termine: 23. u. 25.5., 3raum-Anatomietheater. 24. 5. Nestroyhof-Hamakom, 21 Uhr
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)