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Der Mann mit dem Schnauzer ist wieder da

(c) EPA (SOEREN STACHE)
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Sarrazin provoziert als Eurogegner nur mäßig, weil er bei seinem neuen Thema zu Hause ist. Dennoch schlagen die Wogen hoch. „So spannend wie der Monatsbericht der Bundesbank“, bezeichnet Augstein das Buch.

Berlin/Gau. Der langen Rede folgt das eisige Schweigen. Wortreich hat Thilo Sarrazin seine Streitstrift „Europa braucht den Euro nicht“ im Berliner Nobelhotel „Adlon“ verteidigt. Als zwei von 200 Journalisten zum Klatschen anheben, ernten sie böse Blicke und lassen es gleich wieder bleiben. Den Zwietrachtsäer von „Deutschland schafft sich ab“ mit seiner kruden Vererbungslehre zu akklamieren – das bliebe unter Medienleuten selbst dann ein Tabu, wenn er die brillanteste ökonomische Analyse seit Menschengedenken hingelegt hätte. Wobei sie Sarrazin nun eher übel nehmen, dass er ihnen einen Wirtschaftswälzer aufgebürdet hat, den sie ziemlich erfolglos auf skandalträchtige Sentenzen durchforsten mussten.

 

Fakten gegen Emotionen

„So spannend wie der Monatsbericht der Bundesbank“, seufzt es aus der „Süddeutschen“. „Spiegel“-Kolumnist Jakob Augstein wird persönlicher: Ein gefühlsblinder Autist sei Sarrazin, der seine Umwelt ohne Emotion auf Zahlen, Daten und Fakten reduziere. Darauf angesprochen, erlaubt sich Sarrazin doch ein wenig Emotion und konstatiert seinerseits Blindheit: „Solche Menschen, die mit Fakten nichts anfangen können, schlagen dann blindwütig um sich.“ Ansonsten gibt Sarrazin den „Elder Bundesbanker“, der so ausgewogen formuliert, dass es zur Provokation meist nicht reicht. Man merkt: Hier ist er in seinem Element, der Ökonomie und Geldpolitik, und hier weiß er auch zu differenzieren. Sicher: Die Behauptung, der Euro hätte Europa keinen Nutzen und nur Schaden gebracht, ist eine steile These, die statistische Daten recht einseitig interpretiert.

Ex-Finanzminister Peer Steinbrück durfte sie im TV-Streitgespräch mit dem Parteikollegen als „Bullshit“ bezeichnen, und Ökonom Michael Hüther ärgert sich über „absurde, absolut unökonomische Vergleiche auf Stammtischniveau“. Aber ein solcher Streit unter Fachleuten überfordert das skandalsüchtige Publikum, und so sind die Rezensenten über wenigstens eine anstößige These glücklich: Die Befürworter von Eurobonds seien getrieben vom „deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg“ erst getan ist, „wenn wir (...) auch unser Geld in europäische Hände gelegt haben“. Der Holocaust in einem Atemzug mit der Krisenpolitik? Für Finanzminister Schäuble ein „himmelschreiender Blödsinn“. Sarrazin verteidigt sich: Den Zusammenhang stelle ja nicht er her, sondern etwa Exkanzler Schmidt. Dabei „lief die gesamte Nachkriegsgeschichte ohne deutsche Subventionen für andere Staaten ab“. Weil das nicht mehr gilt, sehnt er ein Ende des Euro herbei. Aber es soll, aus Rücksicht auf Frankreich, diplomatisch erfolgen. Also kein Austritt Deutschlands, sondern ein Beharren auf längst gebrochenen Regeln. Dann würden die Franzosen selbst austreten. Denn Verträge, meint Sarrazin implizit mit subtilem Rassismus, halten Deutsche und Österreicher ein, nicht aber romanische Völker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)