Deutschland: Eine Energiewende auf Pump

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Ohne Speicherkapazitäten aus Österreich und der Schweiz droht ein Stromchaos. Wind und Wetter sind schwer berechenbar. Für Österreichs Stromerzeuger wäre Regelstrom fürs Ausland ein gutes Geschäft.

Berlin. Für den deutschen Ökobürger ist die Energiewelt noch in Ordnung. Der Ausstieg aus der Atomkraft nimmt ihm viele Ängste. Der Strom aus erneuerbaren Quellen kommt ihn zwar recht teuer zu stehen, aber das soll sich ja irgendwann ändern. Auf seinem Hausdach prangt jedenfalls ein Solarpanel, bei seinem Nachbarn auch – was kann da noch passieren? Ziemlich viel, warnen Experten. Denn die Energiewende ist schon bei ihrem Start ins Stocken geraten. Zwar schießen die Windräder aus dem Boden und den Fluten der Nordsee. Aber dort, wo der Sturm braust, wird der Strom am wenigsten gebraucht. Es fehlen Leitungen in den industriereichen Süden. Weil in Bayern eine gewaltige Kapazitätslücke droht, wird nun gesicherte Leistung von der russischen Gazprom zugekauft.

Aber es lauert noch eine größere Gefahr. Wind und Wetter sind schwer berechenbar, die Natur ist launisch: Mal liefert sie zu wenig Strom, mal zu viel. Die deutschen Planer wissen: Sie brauchen für ihre veranschlagten 110 Gigawatt an Solar- und Windstrom zusätzliche Speicherkapazitäten, geschätzte 3,5 Gigawatt, um eine Balance herzustellen. Nur woher die kurzfristige Ausgleichsenergie kommen soll, ist bis heute unklar. Ohne diesen „Regelstrom“ aber droht früher oder später der Blackout. Das flache Deutschland könnte nur auf Druckluftspeicher setzen, eine unausgereifte, teure Technologie. Wesentlich effizienter arbeiten Pumpspeicherkraftwerke – und die gibt es nur in den Alpen, vor allem in der Schweiz und Österreich. Hierzulande liegt die Kapazität inklusive geplanter Projekte bei acht Gigawatt. Die Hälfte davon stellt der Marktführer Verbund.

Für Österreichs Stromerzeuger wäre Regelstrom fürs Ausland auch ein gutes Geschäft, mit einer Marge von etwa 20 Prozent. Zurzeit wird Strom aus Kraftwerken wie Kaprun nur zur Spitzenabdeckung im Inland und damit eher selten eingesetzt. Allerdings gibt es da ein Problem: Die Grenze für Regelstrom ist zwischen Deutschland und Österreich so dicht wie eh und je. Das liegt vordergründig an technischen Hürden: Netzstandards und Codes müssten harmonisiert werden. Vor allem aber fehlt der politische Wille zur Öffnung. Eine deutsch-schweizerisch-österreichische Vereinbarung von Anfang Mai bleibt nur eine Absichtserklärung. Um konkret Druck zu machen, gingen gestern Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber und Stephan Kohler von der Deutschen Energieagentur an die Öffentlichkeit.

Verbund drängt, die Lobby blockt

Sie fordern eine Verordnung von FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler. In seinem Ministerium drücken sich aber auch die Lobbyisten der deutschen Energiewirtschaft die Klinke in die Hand.

Unter ihnen sehen Kohler und Anzengruber „Profiteure des geschlossenen Marktes“, die ihre bestehenden Kapazitäten zu hohen Preisen nutzen wollen und deshalb anderes empfehlen: in Ruhe abzuwarten, wie viel mehr an Speicherkapazität bis 2020 tatsächlich gebraucht wird. Damit verstreiche aber wertvolle Zeit, warnt Anzengruber. Er erinnert an das neue Pumpspeicherkraftwerk Limberg II in Kaprun, für das ein kurzes Stück Anschlussleitung in Richtung Deutschland fehlt: „Im besten Fall dauert die Genehmigung fünf Jahre, bei Bürgerprotesten bis zu 15 Jahre.“

In Deutschland boomen indes Notstromaggregate. „Das ist doch skurril, wie in der Nachkriegszeit“, meint Anzengruber. Auch die Notkaltreserven, mit denen EVN-Kraftwerke den Deutschen im Winter aushalfen, „können doch nicht der richtige Weg sein“.

Der Verbund-Chef malt den Teufel an die Wand: „Es besteht die Gefahr, dass die Stromversorgung teurer und unsicherer wird.“ Das vertreibe die stromintensive Industrie. Bisher hatten Deutschland und Österreich zwar hohe Lohnkosten, aber den Standortvorteil einer sicheren Infrastruktur. Ohne sie „wird die Industrie nicht mehr investieren“.

Auf einen Blick

Der Verbund wittert ein Geschäft mit Deutschlands Energiewende. Um Engpässe zu vermeiden, ist das Land auf Speicherkapazitäten angewiesen. Am besten geeignet wären heimische Pumpspeicherkraftwerke. Noch gibt es aber Hürden: Netzstandards und Codes müssten harmonisiert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2012)

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