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„Namen eines ,Biokonservativen‘ ließe ich auf mir sitzen“

(c) AP (HERMANN J. KNIPPERTZ)

Jürgen Habermas, der streitbare Sozialphilosoph, erhielt in Wien zwei Preise und bedankte sich mit grundsätzlichen Reflexionen zum Umbau der Menschheit durch Biotechniken.

Präimplantationsdiagnostik, Designerbabys, gedächtnisfördernde Drogen – die Biotechnologien eilen voran, „öffentliche Meinung und politische Gesetzgebung hinken atemlos hinterher“. Von diesem Befund ging Jürgen Habermas aus, als er sich am Mittwoch im Wiener Rathaus für gleich zwei – von Bürgermeister Michael Häupl überreichte – Preise bedankte, den Ehrenpreis des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien für sinnorientierte humanistische Psychotherapie und den Wiener Erwin-Chargaff-Preis für Ethik und Wissenschaft im Dialog.

Frankl hat die Existenzanalyse begründet („Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“), Chargaff trieb früh, schon in den 1940er-Jahren, die Molekularbiologie voran und kritisierte sie später scharf. An ihn schloss Habermas an und betrieb „Kritik im Handgemenge“ (Marx), wie man sie von dem 82-Jährigen seit Jahrzehnten gewohnt ist, an vorderster Front der Sachlage und der Öffentlichkeit. Diesmal kreiste die Reflexion also um Bioethik, nicht um Details, sondern um die Grundsatzfrage eines möglichen Umbaus des Lebens, vor allem unseres eigenen – „einer mit biotechnologischen Mitteln betriebenen, gewissermaßen autopoetischen Selbsttransformation der Menschengattung“. Habermas ist bei einer solchen Perspektive wenig wohl, denn als Philosoph und homo politicus war er zwar „nie konservativ. Aber den Namen eines ,Biokonservativen‘“ – so nannte ihn ein Kollege – „ließe ich gerne auf mir sitzen.“

 

Grenze zwischen Therapie und Eugenik?

Und „bei biokonservativen Gemütern liegt die Hemmschwelle intuitiv zu tief“, wenn es um den großen Umbau der Menschheit geht, um „Verbesserung“: Eugenik. Allerdings ist deren Grenze gegenüber bloßer Therapie – der Wiederherstellung eines gesunden Ausgangszustandes – nicht leicht bzw. nicht mehr zu ziehen. Religionen und Kosmologien konnten das noch – „gewissermaßen strafbewehrte ontologische Grenzen“ setzen –, aber die Aufklärung entthronte die Autoritäten. „Und die Vorstellung einer fixen menschlichen Natur ist ohnehin fragwürdig“, weil die „zweite Natur“ – die kulturelle – die erste längst überformt hat und vom Menschen selbst vorangetrieben wird. Nun ist sie auf dem Feld der Technik dorthin gelangt, dass sie die „Manipulation der Bausteine des eigenen Organismus“ ermöglicht. „Diese kulturelle Selbstermächtigung hat auch die Wende von einem religiös-metaphysischen hin zu einem anthropozentrischen Selbst- und Weltverständnis gefördert. Seitdem liegen überzeugende säkulare Gründe für eine deutliche Grenzziehung zwischen therapeutischen und eugenischen Eingriffen nicht mehr offen auf der Hand.“

Also wendet man sich zur Klärung an die Zuständigen für Grenzziehung – „Kritik“ war noch bei Kant das Synonym dafür –, an die Philosophen. Aber die weichen aus, auf Randthemen wie etwa die sozialen Folgen einer „personalisierten Medizin“, die erst die Gene des Patienten sequenzieren und dann die Therapie daran orientieren will: Wenige werden sich das leisten können. Aber über Eugenik vs. Therapie ist damit nichts gesagt, beklagte Habermas, der sich selbst auch über einen Umweg vortastete: Designerbabys in dem Sinn, dass man ihnen unerwünschte Gene aus- und erwünschte einbaut, derartiges verbietet sich. Hier hält noch die alte „Kritik der praktischen Vernunft“, in der die Freiheit des einen ihre Grenze an der des anderen findet.

„Freilich prallen diese tiefer reichenden moralischen Einwände an allen Interventionen ab, die mit dem informierten Einverständnis der beteiligten Personen durchgeführt werden können.“ Jeder von uns könnte sich manipulieren lassen, etwa mit einer Hebung der Intelligenz? Wenn es technisch ginge, spräche moralisch „prima facie“ nichts gegen eine solche „künftige liberalere Eugenik“. Und auf den zweiten Blick?

Auf den wird es noch ärger. Denn Habermas' zentrale Denkfigur – der „herrschaftsfreie Dialog“ mit seinem „zwanglosen Zwang des Arguments“ werde für Klarheit in moralischen Fragen sorgen – kommt durch die Biotechniken selbst in Gefahr: Die eugenisch behandelten und wahrhaft unabhängig gewordenen Superintelligenzen“ wollen gar nicht mehr miteinander reden, und schon überhaupt nicht über Moral. „Sie vernetzen sich vielmehr über rechnergestützte egozentrische Nutzenkalküle, während das Sprachspiel moralisch verantwortlicher Autorschaft außer Gebrauch gerät.“

Leben & Werk

Jürgen Habermas, geb. 1929 in Düsseldorf, Studien der Philosophie und vieler anderer Fächer. Lehrtätigkeit ab 1961 in Heidelberg, ab 1964 in Frankfurt, wo er die Philosophie der „Frankfurter Schule“ reformierte. Häufige Einmischung in öffentliche Angelegenheiten, etwa beim Historikerstreit 1986. Rege Publikationstätigkeit: 41 Bücher, zentral sind frühe wie „Erkenntnis und Interesse“ (1968).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2012)