Sicherheit vor Ertrag. Die Renditen von österreichischen und deutschen Staatsanleihen sind historisch niedrig. Für konservative Anleger ist das - dank Inflation - ein Verlustgeschäft.
Wien/Ker. Staatsanleihen wie jene Österreichs werfen derzeit eine sehr geringe Rendite ab. „Die ungelöste Schuldenkrise in Europa reduziert die Anzahl jener Staatsanleihen, die als ausfallsicher betrachtet werden“, sagt Thomas Steinberger, Geschäftsführer von Spängler IQAM Invest. Soll heißen, dass die Investoren derzeit heftig nach sicheren Papieren greifen.
Österreichische wie deutsche Staatsanleihen gehören hier dazu. Die große Nachfrage treibt die Kurse dieser festverzinslichen Papiere in die Höhe. Das heißt aber auch, dass Investoren diese Anleihen zu einem relativ hohen Preis kaufen müssen. Da die laufenden Zinsauszahlungen bei festverzinslichen Anleihen aber gleich bleiben, reduziert sich die Rendite für die Anleger.
Eine zehnjährige österreichische Staatsanleihe (Isin: AT0000A0N9A0) wirft etwa einen jährlichen Zins von 3,65Prozent ab. Aber: Die Anleihe notiert relativ hoch, bei über 110Prozent (des Nominalwerts). Das heißt, wenn ein Anleger solche Anleihen zum Nominalwert von 10.000 Euro kaufen will, muss er mehr als 11.000 Euro dafür zahlen. Das schränkt seine Rendite ein. Von den 3,65 Prozent, die der Zinskupon abwirft, bleibt am Ende viel weniger übrig.
•Was heißt das in der Praxis?
Der Anleger will die zehnjährige österreichische Staatsanleihe zum Nominalwert von 10.000 Euro kaufen und bis zum Ende der Laufzeit halten, also bis April 2022. Eine vereinfachte Darstellung: An Zinsen bekommt er jedes Jahr (nach Steuer) etwas mehr als 270 Euro. Dieses Geld legt er jedes Jahr auf ein einjähriges Sparbuch, das jeweils mit drei Prozent verzinst ist. Mit der Anleihe und den jährlichen Sparbuchzinsen (inklusive Zinseszins) würde er nach zehn Jahren eine jährliche Rendite von knapp 2,7 Prozent erzielen (nach Steuer).
Aber: Da sind die Kosten noch nicht berücksichtigt. Der Anleger kaufte die Anleihe schließlich zu einem „überhöhten“ Preis (über pari), das schränkt die Rendite ein. Dazu kommen noch Transaktionsgebühren und Spesen. Nach Abzug der Spesen macht der Anleger nach zehn Jahren eine Rendite von nur rund 1,7Prozent (nach Steuern).
•Was bringt die Staatsanleihe real?
Wenn man die Inflation abzieht, wird dem Anleger real nicht viel übrig bleiben. Die Inflation müsste jedes Jahr unter der Zielmarke (für die Eurozone) von zwei Prozent liegen. Danach schaut es zumindest aus heutiger Sicht nicht aus. Die jährliche Inflationsrate für 2012 wird laut aktuellen Statistiken hierzulande bei 2,4Prozent liegen.
•Spekulieren mit sicheren Staatsanleihen
Anders ist die Situation, wenn die Anleger die Anleihe gar nicht bis zum Ende der Laufzeit halten, sondern schon vorher verkaufen wollen. In diesem Fall hoffen sie darauf, Kursgewinne zu erzielen.
Wann zahlt sich das aus? Sichere Staatsanleihen entwickeln sich normalerweise in Krisensituation gut. Aktuell werden die Kurse durch die ungelöste Schuldenkrise und einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone in die Höhe getrieben. Auch in konjunkturell schwachen Zeiten performen sichere Staatspapiere oft sehr gut.
•Wann erleiden sichere Staatsanleihen Kursverluste?
Wenn die Konjunktur anzieht und die Inflationsraten hoch sind, sind sichere Staatsanleihen eher unattraktiv. In diesem Umfeld gehen Investoren auf der Suche nach höheren Renditen auch ein höheres Risiko ein und stoßen sichere Staatsanleihen ab.
Aber Achtung vor falschen Trugschlüssen: Genau vor einem Jahr war die Lage bei sicheren Staatsanleihen auch vermeintlich schlecht. Deutsche wie österreichische Anleihen warfen damals eine niedrige Rendite ab. Gleichzeitig gab es aber Hoffnungen, dass die Wirtschaft deutlich anzieht und Befürchtungen, dass die Inflationsraten nach oben gehen. Experten rieten daher, sichere Anleihen mit langen Laufzeiten nicht zu kaufen bzw. abzustoßen. Es kam dann aber ganz anders. Im Sommer schlug die Schuldenkrise mit voller Wucht zurück, die Konjunkturaussichten waren alles andere als rosig. Die Folge: Staatsanleihen von Österreich oder Deutschland legten eine fulminante Kursrallye hin.
•Bei welchen Laufzeiten sollte man aufpassen?
Ein hohes Kursrisiko gebe es bei Anleihen mit längeren Laufzeiten, etwa zehnjährigen Anleihen, so Steinberger: „Wenn sich die US-Geldpolitik normalisiert oder eine langfristige Lösung der Staatsschuldenkrise in Europa in Aussicht ist, steigen die Zinssätze wieder an.“ Das heißt im Gegenzug, dass die Anleihenkurse wieder zurückgehen.
Was Sie beachten sollten bei . . . sicheren Staatsanleihen
Die Renditen von sicheren österreichischen und deutschen Staatsanleihen befinden sich auf historischen Tiefständen. Für die Staaten ist das gut, doch was bringen diese Papiere dem Anleger noch?
Tipp 1
Rendite. Wer jetzt eine zehnjährige österreichische Staatsanleihe (Isin: AT0000A0N9A0) kauft, dürfte in den kommenden zehn Jahren eine realen Kaufkraftverlust erleiden. Nach Abzug der Kosten und der Steuer wird wohl eine Nettorendite von nur rund 1,7 Prozent jährlich übrig bleiben. Damit werden die Anleger die Inflation nicht abdecken können.
Tipp 2
Kursgewinne. Anders sieht die Lage aus, wenn Anleger sichere Staatsanleihen vor allem als Spekulationsobjekt benutzen. Kursgewinne könnte es dann geben, wenn die Schuldenkrise ungelöst bleibt und Debatten über einen Zerfall des Euro anhalten. In unsicheren Zeiten steigt die Nachfrage nach sicheren Staatsanleihen.
Tipp 3
Kursverluste. Kursverluste drohen, wenn sich die politische und wirtschaftliche Lage normalisiert – etwa das Schuldenproblem gelöst ist und die Konjunktur anzieht. Investoren sind dann eher auf der Suche nach mehr Risiko und stoßen Staatsanleihen mit geringen Renditen und festem Zins ab. Die Anleihekurse dieser Papiere gehen dann zurück.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2012)