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Sangay: „Tibet-Konflikt ist schlecht für Chinas Image“

(c) REUTERS (LEONHARD FOEGER)
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Der Premier der tibetischen Exil-Regierung, Lobsang Sangay, fordert einen EU-Koordinator für Tibet, setzt weiterhin auf Pekings Dialogbereitschaft und ist zuversichtlich, den Traum seines Vaters erfüllen zu können.

Wien. Als seinen „Boss in politischen Fragen“ bezeichnet ihn der Dalai-Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter: den 44-jährigen Lobsang Sangay. Nachdem sich der Dalai-Lama im Vorjahr aus der politischen Führung seines Land zurückzog, wurde Sangay zum Ministerpräsidenten der tibetischen Exil-Regierung mit Sitz im indischen Dharamsala gewählt. Der in Indien geborene Jurist, der laut Dalai-Lama das moderne, junge Tibet repräsentiert, unterrichtete an der US-Eliteuniversität Harvard, bevor er in die Politik ging.

Die Presse: Sie sind Regierungschef eines Landes, das kein souveräner Staat ist und eigentlich gar nicht existiert.

Lobsang Sangay: Ja, mein Job ist sehr schwierig. Tibet führt einen Freiheitskampf, und von mir wird erwartet, in schwierigen Zeiten Führungskraft zu beweisen. Historisch war Tibet aber unabhängig. Wir wollen jetzt als Volk unsere Rechte durchsetzen.

Ihre Regierung wird von keinem Land offiziell anerkannt.

Die Anerkennung der Regierung ist nicht unser vorrangiges Ziel. Es geht darum, den Tibet-Konflikt mit China zu lösen.

Wie wollen Sie erreichen, was dem Dalai-Lama in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen ist, nämlich mehr Autonomie von China?

Wir setzen auf Demokratie und Gewaltlosigkeit und werden den Dialog mit China fortsetzen. Derzeit ist China sehr auf interne Probleme konzentriert. Nach dem Führungswechsel im kommenden Herbst kümmert sich China hoffentlich wieder um äußere Themen wie Tibet. Wir sind jedenfalls bereit. Wir bleiben bei der Verfolgung eines gewaltlosen Weges und wollen mehr Autonomie, aber das innerhalb Chinas.

Und wie wollen Sie Peking zurück an den Verhandlungstisch bringen?

Eine Lösung des Tibet-Konflikts ist doch auch im Interesse Chinas. China ist eine aufsteigende Macht, der weltweit sehr viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Was in Tibet passiert, ist einfach schlecht für Chinas Image.

China hat in Tibet aber auch investiert, die Wirtschaft angekurbelt und dem Land Entwicklung gebracht.

Ja, das stimmt. Die Frage ist aber auch: Wer profitiert davon? Die Chinesen oder die Tibeter? Die Antwort ist: hauptsächlich die Chinesen. Bei den Tibetern regt sich dagegen Widerstand.

Eine Form des Protest sind die Selbstverbrennungen, die Tibet immer wieder in die Schlagzeilen bringen. Sind sie ein Weckruf für die tibetische Regierung, dass mit der derzeit verfolgten offiziellen Politik gegenüber China etwas schiefläuft?

Die Selbstverbrennungen sind ein Zeichen der Dringlichkeit der momentanen Situation in Tibet. Die Tibeter sind so verzweifelt und senden ein klares Signal, dass wir ein Problem zu lösen haben. Im Arabischen Frühling hat nur eine Selbstverbrennung eine Demokratisierungswelle ausgelöst. In Tibet gab es 35 Selbstverbrennungen – aber wo sind die Konsequenzen daraus geblieben? Wir brauchen mehr internationale Unterstützung.

Was erwarten Sie diesbezüglich von der EU?

Wir fordern von der EU, eine Delegation nach Tibet zu schicken, die sich ein Bild von der Lage macht und die chinesische Regierung darüber informiert. Wir wollen auch einen Tibet-Koordinator – ähnlich, wie er in den USA schon existiert –, sodass die EU gegenüber Peking mit einer Stimme spricht.

Sehen Sie seitens der EU dazu eine Bereitschaft?

Wir hoffen sehr, dass das klappt.

Österreichs Regierung scheint sich schwer damit zu tun, Sie oder den Dalai-Lama offiziell zu treffen.

Ich bin sehr froh über jeden Politiker, der sich mit mir treffen will, und beschwere mich nicht über jene, die mich nicht treffen wollen.

Sie waren noch nie in dem Land, dessen Premier Sie sind. Werden Sie in Ihrem Leben noch die Gelegenheit kriegen, nach Tibet zu reisen?

Natürlich! Auf jeden Fall.

Sie glauben also fest an eine Lösung mit Peking?

Ja. Ich war die vergangenen 16 Jahre in den USA und habe in Harvard unterrichtet. Diesen Job habe ich aufgegeben, um den Freiheitskampf zu unterstützen – und den Traum meines verstorbenen Vaters zu erfüllen, dass alle Tibeter zurückkehren können. Ich wurde als Tibeter geboren, sterbe als Tibeter, dazwischen arbeite ich für Tibet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2012)