Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schule: Probleme der türkischen Migranten

Bei Schwierigkeiten von türkischen Kindern im Schulalltag fehle laut Migrationsexperten oft das nötige Augenmaß.

Der türkische Vater, der sich weigert, mit der Klassenlehrerin zu sprechen, und das türkische Mädchen, das nicht am Turnunterricht teilnimmt: Über Probleme wie diese wird in den heimischen Schulen häufig geklagt. Von der Hand sind diese tatsächlich nicht zu weisen. Allein: Das nötige Augenmaß fehlt dabei häufig.

„Wir schauen mit einer Lupe auf diese Probleme“, sagt etwa Migrationsforscher Kenan Güngör. Die Mehrheit der Schüler mit türkischem Migrationshintergrund hätte keine Schwierigkeiten, sich im Schulalltag zu integrieren. Gesprochen werde aber stets über jene, bei denen es nicht klappt. In einem angemessenen Ausmaß sei das aber dennoch enorm wichtig, gibt Güngör zu bedenken. Dass türkische Schülerinnen den Turnunterricht schwänzen, sei ebenso inakzeptabel wie die Nichtteilnahme an Schulausflügen. Es gehe darum, kreative Lösungen zu finden. So würden viele Schülerinnen mit Kopftuch im Turnunterricht etwa ein eigenes Sportkopftuch tragen. Was Skikurse und Landschulwochen betrifft, fordert der Migrationsexperte eine verpflichtende Teilnahme. Auch das sei Teil der Bildung. Den oft skeptischen Eltern – sei es ob ihrer „überzogenen Sorgen“ oder ihrer Religiosität – müsse dabei die Angst genommen werden. Nachdem sie großteils keine Erfahrungen mit derartigen Schulveranstaltungen haben, sei es sinnvoll, sie darüber aufzuklären.

Keine „falsche Toleranz“. Doch was tun, wenn der türkische Vater verweigert, der Lehrerin die Hand zu schütteln? Keinesfalls in die Opferrolle schlüpfen, rät Güngör. Dem stimmt auch Mari Steindl, Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums in Wien, zu. Die Lehrerinnen sollten in diesem Fall entscheiden, ob ihnen diese Geste so wichtig ist, dass sie diese zur Fahnenfrage machen. Bei der Gesprächsbereitschaft sieht das anders aus. Verweigert ein Vater, mit einer Pädagogin zu sprechen, dann sei es Aufgabe der Lehrerin, klar Position zu beziehen. Alles andere sei „falsche Toleranz“.

Steindl bemängelt, dass Lehrer für solche Situationen nicht entsprechend ausgebildet sind. Interkulturelle Kompetenzen sollen den Schülern zwar in allen Gegenständen vermittelt werden; eine verpflichtende Grundausbildung für Lehrer ist in diesem Bereich aber nur ein freier Wahlgegenstand. j.n.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)