Hormone, Kinder & Chemie

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Die Geschichte der Erforschung der Sexualhormone ist eine zutiefst österreichische Geschichte, wie man in einem diese Woche präsentierten Buch der Ignaz-Lieben- Gesellschaft nachlesen kann.

Im Englischen gibt es den Begriff „to be steinached“. Er verweist auf den österreichischen Wissenschaftler Eugen Steinach, der 1912 bis 1938 die Biologische Versuchsanstalt der Akademie der Wissenschaften leitete. Von diesem Gebäude im Wiener Prater ist heute nichts mehr übrig – es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Arbeit ihres Direktors wirkt aber bis heute: Steinach war einer der Pioniere der Erforschung der Sexualhormone. „To be steinached“ bedeutet, dass ein Mann einer „Vasektomie“ unterzogen wird – also einer Durchtrennung der Samenleiter. Das geschah früher nicht, um unfruchtbar zu werden, sondern aus der Hoffnung heraus, sich zu verjüngen. Wie man in dem am Donnerstag an der Med-Uni Wien präsentierten Buch „Pioniere der Sexualhormonforschung“ nachlesen kann, hat sich 1923 auch Sigmund Freud diesbezüglich operieren lassen.

Dass es zu keiner dauerhaften Verjüngung kam, überrascht heute niemanden. Und auch Steinachs Idee, durch eine Hodenoperation Homosexualität zu „heilen“, ist natürlich Unsinn. Doch seine Grundidee war korrekt: Sexualität und Fortpflanzung werden durch bestimmte Gewebe gesteuert. Steinach zeigte schon um 1910 herum, dass z.B. männliche Meerschweinchen nach einer Transplantation von Eierstöcken verweiblichen. Er führte das auf Sekrete der Keimdrüsen zurück – ein völlig richtiger Schluss. Steinach versuchte dann, die verantwortlichen Moleküle zu isolieren, zu charakterisieren und zu synthetisieren – ab 1923 in Zusammenarbeit mit der Berliner Arzneimittelfabrik Schering.

Eingesetzt wurde das entwickelte Sexualhormon (Östron) zur Behandlung von Wechselbeschwerden – nicht aber zur Empfängnisverhütung. Auf diese Idee kam ein anderer österreichischer Forscher: Ludwig Haberlandt fand kurz nach dem Ersten Weltkrieg an der Universität Innsbruck bei Versuchen an Ratten heraus, dass eine Schwangerschaft das Heranreifen weiterer Eizellen verhindert. „Empfängnisverhütung bestünde also in einer hormonell vorgetäuschten Schwangerschaft“, formulierte er 1919. Er studierte das mit Eierstocktransplantationen an Kaninchen und Meerschweinchen, dann auch gemeinsam mit Arzneimittelherstellern (E. Merck in Darmstadt und G. Richter in Budapest) an Extrakten und Reinsubstanzen. Er stand bei dieser Arbeit in engem Kontakt mit Steinach – die Ehefrauen der Forscher stammten beide aus Hainburg und verbrachten ihre Sommerfrische oft zusammen. Auch dieses Detail stammt aus dem neuen Buch, das auf einem Symposium der Ignaz-Lieben-Gesellschaft anlässlich des 85. Geburtstages von Carl Djerassi basiert (255 S., 25 €).

Haberlandt, über dessen Idee auch groß in Zeitungen berichtet wurde, stieß allerdings auf heftige Kritik: Katholische und konservative Kreise setzten Schwangerschaftsverhütung mit einem Verbrechen an ungeborenem Leben gleich. Er hielt diesem Druck langfristig nicht stand und schied 1932 freiwillig aus dem Leben.

Die Erforschung der Sexualhormone ging indes weiter, beteiligt war eine ganze Reihe von Forschern mit Österreich-Bezug – etwa Leopold Ružička (ETH Zürich) oder Walter Hohlweg (Steinachs Assistent in Wien, später bei Schering in Berlin). Mitte des 20. Jahrhunderts war allgemein etabliert, dass Progesteron als „Schwangerschaftsschutzhormon“ verhindert, dass es während einer Schwangerschaft zu einer weiteren Empfängnis kommt. Man kannte auch weitere Sexualhormone, etwa Norsteroide, die zum gleichen Resultat führten. Aber alle hatten ein Problem: Sie mussten injiziert werden, da sie oral kaum wirksam waren.

Hier trat der junge Chemiker Carl Djerassi auf den Plan: Dieser hatte – so wie Steinach jüdischer Abstammung – 1938 als 14-Jähriger Wien verlassen müssen. Nach einem Chemiestudium in den USA arbeitete er einige Jahre bei der amerikanischen Niederlassung von Merck. Da er dort aber nicht an Steroiden forschen konnte – das reklamierten die Kollegen in der deutschen Zentrale für sich –, wechselte er zu der kleinen mexikanischen Firma Syntex und schaffte dort 1951 den großen Durchbruch: die chemische Synthese eines auch bei oraler Einnahme hochwirksamen Hormons – Norethisteron – zur Verhütung von Schwangerschaft.

Der Rest ist Geschichte. Zehn Jahre danach löste die „Pille“ eine riesige Revolution aus – die aber in Djerassis Augen nur halb gelungen ist: Er vermisst unverändert eine „Pille für den Mann“. Erst diese Woche bekräftigte er bei der Buchpräsentation, dass das nicht an wissenschaftlichen Gründen liege – man kenne seit Jahrzehnten viele mögliche Ansatzpunkte. Sondern daran, dass aus „ökonomischen und politischen Gründen“ niemand eine solche Pille entwickle. Djerassis Erklärung dafür: Pharmafirmen würden sich aus der Entwicklung von Medikamenten für „geriatrische“ (überalterte) Gesellschaften mehr Gewinn versprechen als für „pädiatrische“ (junge und wachsende) Länder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)

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