Über einen Reisejournalisten

Über einen Reisejournalisten, der daheim bleibt. Ich meine, wer reist denn schon?

Immer wollte ich – als Vielreisender, der manchmal nur mehr daheim sein möchte – einen Roman über einen Reisejournalisten schreiben, der in Wirklichkeit gar nicht reist, sondern alles erfindet. Mein Held wäre ein alleinstehender Nerd gewesen, hätte möglichst seine Wohnung nicht verlassen, aber dennoch die großartigsten Reportagen über fremde Länder geschrieben, in die er nie einen Fuß gesetzt gehabt hätte. Ein besonders guter Artikel, mit dem er zum deutschsprachigen Journalisten des Jahres gekürt werden sollte, wäre meinem Helden dann zum Verhängnis geworden.

Nun hat der deutsche Autor Rayk Wieland einen solchen Roman geschrieben. Macht nichts – spart mir in den nächsten Monaten immens viel Arbeit. In „Kein Feuer, das nie brennt“ (Kunstmann Verlag 2012) fliegt der niemals reisende Reisereporter W. aus Berlin-Ost auf, als seine erfundene Geschichte über Nordkorea von der nordkoreanischen Botschaft öffentlich in Zweifel gezogen wird: „Ich hatte nichts zu verlieren, außer mein Einkommen natürlich, meine Stellung, meinen Ruf und meine Existenz.“ Das Pikante dabei: W. hat Ostberlin seit dem Fall der Mauer 1989 nicht verlassen. Die Reisefreiheit, so sein Stehsatz, sei immer die Reisefreiheit der anderen.

Nun flüchtet er vor dem Skandal – die erste Reise seines Lebens führt ihn gleich nach China. Und er kann das Reisen ganz gut – nur: „Ich meine, wer reist denn schon? Doch nur Leute, die sich nicht leisten können, zu Hause zu bleiben.“ Der Roman ist – trotz einiger sprachlicher Flapsigkeiten, aber das moniere ich nur, weil ich ihn nicht selbst geschrieben habe – ganz gut zu lesen.

Blog: www.amanshauser.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)

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