Anguilla: Die Insel der bizarren Revolution

Anguilla Insel bizarren Revolution
Symbolbild(c) Bilderbox

Die kleine Karibikinsel Anguilla, ein britisches Überseegebiet, hat saphirblaue Buchten, eine eigene Rumsorte und eine schräge jüngere Geschichte, in der ein Salzburger mitmischte.

Ich hatte gerade meinen neunten Geburtstag gefeiert und spielte mit den Nachbarskindern auf der Straße. Autos gab es ja keine, nur Esel“, erinnert sich Accelyn Connor schmunzelnd. Heute ist er einer von drei Taxifahrern auf der kleinen Insel Anguilla im Nordosten der Karibik. Damals aber, im März 1969, durchbrach plötzlich Hubschrauberlärm die Stille.

„Für uns Kinder war das natürlich eine Sensation, auch wenn uns mulmig zumute war. Erst wurden Flugblätter aus den Helikoptern geworfen, dann sprangen Fallschirmjäger ab, Soldaten patrouillierten durch unser Dorf.“

Im Agentenfilm „Der Schneider von Panama“ von 2001, nach dem Roman von John Le Carré, spielt Pierce Brosnan einen nach Zentralamerika strafversetzten britischen Spion, der wilde Storys zu erfinden beginnt, treu dem Motto: „Je unwahrscheinlicher, desto besser.“ Bald „erfindet“ er eine Putschgefahr und löst fast eine US-Invasion aus.

Die Sturmtruppen gingen baden. An Anguilla zeigt sich, dass die Realität noch abstruser sein kann, ja komisch: Denn Blutvergießen gab's nicht, als am 19. März 1969 rund 400 britische Elitesoldaten das 90 km2 große Eiland mit seinen damals gut 6000 englischsprachigen Bewohnern stürmten. Keiner wollte sie bekämpfen, man empfing sie mit Musik und gehisstem Union Jack. Und als sie die Insel durchkämmt und vier alte Flinten gefunden hatten, zogen die harten Männer ihre Uniformen aus und suchten nackt (Badehosen hatte keiner dabei) Abkühlung im Meer.

Strände hat Anguilla in Hülle und Fülle, da findet man statt Soldaten Touristen der betuchteren Sorte, die Cocktails mit der inseleigenen Rummarke „Pyrate“ trinken. Lärm und Hektik existieren nicht, Kriminalität höchstens auf Briefkastenfirmenniveau (Anguilla wurde im Konnex mit dem Bawag-Skandal genannt). Dabei hat die laute Invasion von 1969 eine noch wildere Vorgeschichte: die wohl schrägste Revolution der Welt. Die Hintergründe erklärt man in der „Heritage Collection“, dem Geschichtsmuseum des pensionierten Lehrers Colville Petty. Man sieht Pfeilspitzen der ausgestorbenen Ureinwohner, Objekte aus der Zeit der Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen, die auf der regenarmen Insel wenig lukrativ waren, ihr aber ihre heutige Bevölkerung verschafften, deren Ahnen im 18. Jht. als Sklaven aus Westafrika kamen. Zwölf Pflanzer gab es auf Anguilla, die Sklaven nahmen deren Namen an. Heute findet man fast nur diese zwölf Familiennamen – vor allem Webster und Hodge, so hießen die Führer der Revolution, die vor 45 Jahren, am 30. Mai 1967, begann – während einer Misswahl.

Gegen die Ladys hätten die Anguillaner nichts gehabt, erklärt Petty bei der Führung durch die „Revolutionsräume“, aber die Veranstaltung stand unter dem Zeichen der Unabhängigkeitsfeiern: London wollte diese seine karibische Besitzung nämlich samt den Inseln Saint Christopher (bzw. St. Kitts) und Nevis als ein gemeinsames Land in die Autonomie entlassen. Nur wollte das auf Anguilla keiner: Man wollte Kolonie bleiben, obwohl es hier fast nichts gab, weder geteerte Straßen, Fließwasser, Telefon, die Briten hatten ihren Besitz stark vernachlässigt – aber mit dem weit bevölkerungsreicheren St. Kitts wollte man nicht in einem Staat leben. Nicht zuletzt weil Robert Bradshaw, der eben gewählte erste Präsident, verkündet hatte: „Ich werde den Anguillanern Salz in den Kaffee schütten, Knochen in ihren Reis und Sand in ihren Zucker.“ Bradshaw hatte nämlich bei der Wahl kaum Stimmen aus Anguilla erhalten.

Diese Unabhängigkeit wollte man also nicht, und so wurde die Misswahl „gesprengt“: Die 13 Polizisten aus St. Kitts wurden entwaffnet und aufs nächste Boot zurück nach Hause gesetzt. Seither wird an diesem Datum der Nationalfeiertag begangen.

A Kauz from Austria. Es folgten zwei Jahre Hin und Her, London wollte von einem Sonderweg nichts wissen, Bradshaw drohte, Anguillaner probierten auf St. Kitts einen Putsch. Im Sommer 1967 glaubten einige akademische Käuze unter Führung des Salzburgers Leopold Kohr, anarchischer Ökonom und später Träger des alternativen Nobelpreises, hier ihr Wolkenkuckucksheim schaffen zu können: Die Anguillaner staunten, als ihnen die Gäste eine Fahne mitbrachten, auf der barbusige Meerjungfrauen zu sehen waren, dazu Briefpapier mit dem Briefkopf der „Revolutionsregierung“ und frisch geprägte Münzen namens „Liberty Dollar“.

Erst führte man mit den merkwürdigen Gästen philosophische Gespräche, dann schaltete Kohr in der „New York Times“ ein ganzseitiges Inserat: Er gab vor, für Anguilla zu sprechen, die Insulaner wollten weiter glücklich, arm und isoliert bleiben, Autos und Touristen sollten hier nicht erlaubt sein. Das deckte sich mit den Vorstellungen der Anguillaner nicht, und so wurden Kohr und Co. höflich hinauskomplimentiert.

Weniger höflich war der Umgang mit William Whitlock, der im März 1969 als britischer Verhandler kam. Kolonialist der alten Schule, agierte er so arrogant, dass ihn die Anguillaner nach ein paar Stunden hinauswarfen. Gekränkt telegrafierte er seinen Vorgesetzten, hier regierten Mafiosi, die Anguilla an Kuba ausliefern wollten, alles starre vor Waffen, nur knapp habe er sich retten können. Irgendwer in London nahm das ernst und die bizarre Invasion lief an. Die Soldaten holten sich einen Sonnenbrand, die Welt lachte, die Anguillaner waren zufrieden über die erneuerte britische Präsenz, und in der Heritage Collection hängen Schwarz-Weiß-Fotos nackter Soldaten auf Sandstränden.

Insel im Wohlstand. Die Strände sind Basis des Wirtschaftswunders der letzten 20 Jahre. Es gibt auf der Insel, die länglich wie ein Aal aussieht und aus dem Spanischen ihren Namen hat, keine Arbeitslosen. Auswanderer kamen zurück, fast jeder Einheimische werkt im Fremdenverkehr, einige fischen, etwa Thunfische, Red Snapper und rotweiß getüpfelte Riffkrebse. Und wie gesagt: Drei arbeiten als Taxifahrer.

Anguilla ist eine nördliche, flache Insel der Kleinen Antillen in der Karibik, nahe St. Martin/Sint Maarten, das sich Frankreich und die Niederlande teilen. Auf 96km2 leben rund 14.000 Menschen, der Hauptort heißt „The Valley“. Ab 1650 wurde die Insel von Briten kolonisiert und ist britisches Überseegebiet, zuvor lebten hier Karibenindianer.

1967-69 revoltierte Anguilla erfolgreich gegen den Plan Londons, es mit anderen Kolonien als gemeinsamen Staat in die Autonomie zu entlassen.

Der Salzburger Leopold Kohr(1909–94), ein Ökonom, Anarchist, Pazifist und Vordenker der Umweltbewegung, mischte sich mit der Absicht ein, Anguilla in die Unabhängigkeit zu führen, was die Insulaner ablehnten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)