Eine deutsche Tragödie

Im April hat Günter Grass die Perser vor bösen Hebräern gerettet. Jetzt dichtet der Poeta laureatus in der "Süddeutschen Zeitung" für die armen Griechen. Eine deutsche Tragödie.

Ein bisschen Galle ist ihm noch geblieben, dem 84-jährigen Günter Grass, der seit seinem prallen Roman „Die Blechtrommel“ (1959) weltberühmt ist. Eigentlich hatte er vor Ostern versprochen, dass er das damals veröffentlichte Prosagedicht „Was gesagt werden muss“ mit letzter Tinte schreibe. Doch an diesem Samstag hat er es wieder getan: In der „Süddeutschen Zeitung“, die schon seine Polemik gegen die Schlechtigkeit der konservativen Regierung Israels abdruckte, um das iranische Volk vor der Vernichtung durch die Mächte des Bösen zu bewahren, wird ein weiteres dunkles politisches Poem von Grass veröffentlicht: „Europas Schande“.

Worin besteht sie? Im Konsumwahn von Staaten, die auf Kosten nächster Generationen gigantische Schulden machen? In einem neuen Faschismus, der sich als rechter oder linker Populismus tarnt? Weit gefehlt! Es geht wieder vorrangig um deutsche Schuld, diesmal wegen der Schuldenkrise Griechenlands, in feierlichen zwölf Zweizeilern, mit Anspielungen auf Hölderlin, Goethe, Sophokles. Die Täter: Besatzer. Das Opfer: ein „zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum / gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.“

Ich weiß nicht, was soll das bedeuten? Vielleicht dies: Deutsche und andere Kapitalisten, die sicher heimlich noch mit Obristen sympathisieren, tun der Wiege der Zivilisation erneut Gewalt an, stellen sie „nackt an den Pranger“. Die wollen tatsächlich ihr Geld zurück! (Es ist längst weg, verprasst von Griechen, eingesackt von Bankern, bezahlt von braven Bürgern.) Grass sieht das simpler: „Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge alles, / was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.“ Jetzt „kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen“. Um Griechenland fertigzumachen, ist dem reichen Rest Europas jedes Mittel recht. Athen wird der Schierlingsbecher gereicht.

Grass rät von diesem Trunk dringend ab, „zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück“. Und er endet sein Gedicht mit ein paar saftigen Flüchen: „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, / dessen Geist Dich, Europa, erdachte.“


Klagelied. Da hat er wirklich recht. Kümmerlich ist nicht nur dieses Pamphlet, das erneut Opfer und Täter verwechselt, sondern auch die Begründung der „Süddeutschen Zeitung“, warum sie das bizarr verdrehte Klagelied abdruckt. Grass sei eben einer, der sich politisch gern einmische. Das Totschlag-Argument des linksliberalen Blattes: Spätestens seit dem Nobelpreis 1999 sei Grass „auch international als Stimme eines moralischen Deutschland anerkannt“. Der Satz klingt so pompös wie schwache Alterslyrik mit nerviger politischer Obertonreihe. Und ist im Grunde gnadenlos. Ein großer Alter deutscher Nachkriegsliteratur wird in der Jagd nach medialer Aufmerksamkeit bloßgestellt. Er befriedigt sein Geltungsbedürfnis, die „SZ“ ihren Drang nach Quote, wir alle hetzen voll Sensationsgier hinterher. Keine griechische, eine deutsche Tragödie.

norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)

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