Vor exakt 50 Jahren wurde in Ephesos mit der Erforschung des "Hanghauses 2" begonnen - ein Ereignis, das nun mit einem Staatsbesuch in der Türkei gefeiert wird.
Die Entdeckung des „Hanghauses 2“ in Ephesos war ein großer Glücksfall für die Forschung: Dieses Stadthaus mit sieben luxuriösen Wohneinheiten zwischen 170 und 900 Quadratmetern wurde bei einem Erdbeben um das Jahr 275 herum zerstört. Schlecht für die Bewohner, gut allerdings für die Archäologen: Als im Jahr 1962, also vor exakt 50 Jahren, mit dem Freilegen der Reste begonnen wurde, eröffnete sich für die Forscher eine wahre Schatzgrube: Neben reich verzierten und ausgemalten Räumen blieben auch viele Gegenstände des Alltags erhalten – von Hausrat und Einkaufslisten über Kinderspielzeug bis hin zu religiösen Gegenständen.
Zur Feier des 50-jährigen Grabungsjubiläums wird am 16. und 17. Juni Bundespräsident Heinz Fischer in Begleitung von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle nach Ephesos reisen – wo sie auch auf den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül treffen werden. Das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI) gräbt schon seit 1895 in Ephesos. Die ehemalige Hauptstadt der römischen Provinz Asia lockt jährlich zwei Millionen Besucher an und ist damit hinter dem Topkapi Serail die zweitwichtigste Touristenattraktion der Türkei. Das Hanghaus 2 selbst wird jährlich von 100.000 Besuchern frequentiert – diese können dort unter einem von Österreich gesponserten Schutzdach auch Restauratoren bei der Arbeit zuschauen.
In der heurigen Grabungssaison soll ein Blick in die Lebenswelt der Menschen aus der Spätantike – 200 Jahre nach den Hanghäusern – geworfen werden. Und zwar durch die Ausgrabung eines 1200 Quadratmeter großen Stadthauses (mit Obergeschoß), das in den letzten Jahren mithilfe geophysikalischer Methoden südlich der Marienkirche gefunden wurde. Der Erhaltungszustand dieses Gebäudes inklusive Inventar sei sehr gut, berichtet Sabine Ladstätter, Ausgrabungsleiterin in Ephesos und Direktorin des ÖAI (und vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zur „Wissenschaftlerin des Jahres 2011“ gekürt). Man erwarte sich in der Folge einen guten Vergleich zu den älteren Hanghäusern – also einen Vergleich, wie sich die Lebensumstände im dritten Jahrhundert von denen des fünften Jahrhunderts unterschieden haben.
„Wir kommen damit den Menschen und ihrem Lebensalltag sehr nahe“, schwärmt Ladstätter. So zeigte sich beim „Hanghaus 2“ zum Beispiel, dass sich die Menschen im 3. Jahrhundert vom offiziellen Kaiserkult entfernten und immer stärker eine private Religiosität pflegten: etwa in Anbetung von Isis oder Serapis. Bei Letzterem stand die Überwindung des Todes im Vordergrund – eine Idee, die nahtlos zum Christentum führte.
Zerstört und zerschlagen. Apropos: Im Vorjahr konnten die Archäologen einen wichtigen Einblick bekommen, wie die Christen – als sie sich schließlich durchgesetzt hatten – mit den alten römischen Kulten umgingen. Ausgegraben wurden nämlich die Reste des Domitiantempels (einem der beiden Kaisertempel). Und diese sind in denkbar schlechtem Zustand. „Sie sind nicht einfach verfallen, sondern es sieht so aus, als wäre der Tempel intentional zerstört, ja richtiggehend in kleine Trümmer zerschlagen worden“, so Ladstätter. Über den Grundmauern wurde Ende des 5. Jahrhunderts ein reich ausgestattetes Gebäude errichtet, das voll mit christlichen Symbolen ist – wahrscheinlich ein Verwaltungsgebäude der Kirche.
Wie berichtet, steht neben solchen kulturhistorischen Fragen derzeit die Umweltgeschichte von Ephesos im Fokus des Interesses. Nämlich die Frage, warum sich die Meeresküste von der ehemaligen Hafenstadt entfernt hat. Daran ist, so weiß man bereits, der Mensch mitschuld: Durch Abholzung der Wälder und Intensivierung der Landwirtschaft brachten die Flüsse immer mehr Sedimente mit sich und verschoben die Küstenlinie um mehr als sechs Kilometer. Wie das im Detail vor sich gegangen ist, wird in interdisziplinären Forschungen ergründet, an denen neben Geologen, Stadtplanern, Physikern oder Numismatikern auch Botaniker beteiligt sind, die etwa Bohrkerne aus 15 Meter Tiefe analysieren und anhand der Pollen die Pflanzenwelt vor 2000 Jahren rekonstruieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)