Eine Wiener Professorin macht sich Gedanken über Pflanzenethik – also welche Würde Pflanzen haben und wie diese zu schützen ist.
Begriffe der WissenschaftDiese Woche sorgte eine Meldung der „Austria Presseagentur“ in der Redaktion für Aufsehen. Unter dem Titel „Wie man mit Pflanzen umgehen sollte“ wurde über die Antrittsvorlesung von Angela Kallhoff als Professorin für Ethik an der Uni Wien berichtet. Wobei vor allem das Wort „Pflanzenethik“, einer der Schwerpunkte von Kallhoffs Forschung, große Fragezeichen auf den Gesichtern der Kollegen hinterließ. Tierethik im Sinn des Schutzes der Würde von Tieren – das kennt man. Aber Pflanzenethik? In der Geschichte der Philosophie ist das in der Tat etwas Neues. Zwar treibt seit Langem auch der Schutz von Pflanzen Naturschützer an, doch explizit darüber nachgedacht wird erst seit der Entwicklung von genmanipulierten Pflanzen.
Eine traditionelle Begründung für den Schutz von Pflanzen ist eine anthropozentrische Sichtweise, ausgehend vom Nutzen einer Pflanze für den Menschen als Quelle von Nahrung, Energie, Arzneimitteln etc. Doch diese Argumentation erklärt nicht, dass der Schutz von Pflanzenarten und Lebensräumen in der ökologischen Ethik mittlerweile weitgehend akzeptiert ist.
Pflanzen sind in vielerlei Hinsicht anders als Tiere: Bei Letzteren ist es relativ einfach, human-ethische Prinzipien so zu erweitern, dass man eine moralische Rücksicht gegenüber Tieren begründen kann. Stichwort: Menschenrechte für Menschenaffen. Bei Pflanzen geht das viel schwerer. Ihre Reaktionen auf äußere Reize sind nicht unmittelbar sichtbar – zumindest nicht für unser Augen. Doch Physiologen haben in letzter Zeit klar gezeigt, dass auch Pflanzen auf Veränderungen der Umgebung und auf Stressoren stark reagieren.
Das „Gedeihen“. Diesen Wissensstand in die ökologische Ethik aufzunehmen, sei dringend geboten, so Kallhoff. Ihr Ausgangspunkt für eine Pflanzenethik ist der Begriff des „Gedeihens“. Aus ethischen Konzepten wie Selbstentfaltung, Selbstentwicklung oder Integrität leitet sie einen moralischen Status von Pflanzen ab, der unabhängig vom Menschen ist. In einem Satz formuliert das die Philosophin so: „Das Gedeihen von Pflanzen sollte moralisch respektiert werden, und anthropogene Veränderungen der vegetativen Natur sollten auch danach bewertet werden, ob sie das Gedeihen von Pflanzen ermöglichen oder schädigen.“
Die Pflanzenethik ist zwar noch eine junge Disziplin, sie hat aber bereits erste Auswirkungen: In der Schweiz führte eine Gentechnikdebatte dazu, dass ein Naturschutzartikel in der Verfassung geändert wurde: Auch bei Pflanzen müsse die Würde der Kreatur geschützt werden, heißt es nun dort. Was immer das konkret bedeuten mag.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)