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Dalai Lama beendet bisher längsten Österreich-Besuch

DALAI LAMA IN ÖSTERREICH: TREFFEN MIT KARDINAL SCH�NBORN
DALAI LAMA IN ÖSTERREICH: TREFFEN MIT KARDINAL SCH�NBORN(c) APA/ANDREAS PESSENLEHNER (Andreas Pessenlehner)
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Der Dalai Lama traf bei seinem Besuch österreichische Politiker und Kardinal Schönborn und plädierte für den Schutz der Kultur Tibets.

Nach insgesamt neun Tagen in Österreich hat der Dalai Lama am Sonntag seinen bisher längsten Besuch in der Alpenrepublik beendet. Bereits in der vergangenen Woche besuchte er Kärnten und Salzburg, am Wochenende stand dann die Hauptstadt auf dem Programm. Aus China kam ein offizieller Protest, das Außenministerium in Wien reagierte gelassen.

Vor rund 10.000 Besuchern sprach der "Ozean des Wissens", so die deutsche Übersetzung für Dalai Lama, am Freitag in der Wiener Stadthalle über Werte in modernen Gesellschaft. Bei einer Solidaritätskundgebung für Tibet am Samstag am Heldenplatz bat der 76-Jährige um Unterstützung für den Schutz der tibetischen Kultur. Neben den öffentlichen Terminen standen auch Treffen mit Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) sowie Kardinal Christoph Schönborn und Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) auf dem Programm.

Religion "Teil der Lösung"

Religionen müssten konstruktiv zusammenleben, so der Tenor der Gespräche. Denn alle Religionen hätten die gleiche Botschaft und würden trotz der Unterschiede das gleiche Ziel verfolgen: "Mehr Mitgefühl, Liebe und Toleranz zu ermöglichen", sagte der Dalai Lama nach dem Treffen mit Schönborn. Religion solle außerdem nicht als "Problem" sondern als "Teil der Lösung" gesehen werden, hieß es auch nach dem Treffen mit Kurz. Aber auch Menschenrechte und die Situation in Tibet wurden diskutiert. Mit dem Treffen wolle er ein "klares politisches Signal für Menschenrechte, für Gewaltfreiheit, für den Dialog" und "gegen Unterdrückung" senden, erklärte Faymann.

Die Gespräche mit Faymann und Spindelegger stießen China, das sich Tibet 1950 durch eine Invasion einverleibt hatte, sauer auf. In einem offiziellen Protest aus Peking hieß es am Samstag, die Treffen stellten eine "schwere Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas" dar. Ungeachtet mehrmaliger Drohungen seitens Chinas habe Österreich diese Treffen organisiert. "Die chinesische Seite bringt die äußerste Unzufriedenheit zum Ausdruck und ist entschieden dagegen. Das chinesische Außenministerium und die chinesische Botschaft in Österreich werden in Peking und Wien ernsthafte Demarchen führen." Anfang der Woche hatte der Botschafter in Wien, Shi Mingde, jegliche Kontakte heimischer Politiker mit dem tibetischen Oberhaupt als "nicht nützlich" bezeichnet.

Wille zum Dialog

Im Außenministerium sah man die Kritik gelassen. Weil es sich um den Besuch eines Religionsführers handle, sei kein Widerspruch zur österreichischen Diplomatie gegenüber China gegeben. Österreichs Ein-China-Politik sei weiter aufrecht, betonte auch Bundespräsident Heinz Fischer im Interview mit dem "Kurier". Er selbst traf den Dalai Lama nicht, stellte aber klar: "Ich habe nie gesagt, dass ich keinen Termin frei habe. Das ist frei erfunden".

Der Dalai Lama selbst bekräftigte am Freitag seinen Willen zum Dialog mit Peking. Dieser liegt seit Jänner 2010 auf Eis. Er trete für eine Lösung mit "gegenseitigen Nutzen für Tibet und China" ein, sagte der Friedensnobelpreisträger. Bei dem Vortrag in der Stadthalle trug er seine Idee des "Jahrhunderts des Friedens" vor. Die Gewalt heutzutage sei ein "Versäumnis des vergangenen Jahrhunderts", Terrorismus nur einer der Auswüchse dessen, erklärte der Dalai Lama.

"Win-Win-Situation"

Lobsang Sangay, Premier der Exilregierung Tibets, sprach sich ebenfalls für eine "Win-Win-Situation" mit Peking aus. Tibet strebe eine "echte Autonomie innerhalb der chinesischen Verfassung" an, versicherte er und fügte hinzu, dass seine Regierung jedenfalls die chinesischen Interessen und die Souveränität der Volksrepublik respektieren wolle. "Unser Tag wird kommen", zeigte sich Sangay überzeugt. Seine Hoffnungen auf Lösung der Tibet-Frage setzt der ehemalige Harvard-Professor in eine Ablöse der jetzigen chinesischen Hardliner-Politikergarde.

Im Rahmen einer Europäischen Solidaritätskundgebung für Tibet am Samstagnachmittag auf dem Wiener Heldenplatz bedankte sich der Exil-Premier bei den österreichischen Politikern für ihre Bereitschaft, den Dalai Lama zu treffen. Dies sende ein Signal nach Peking, denn die "Besatzung ist inakzeptabel" und die "Unterdrückung unerträglich". Frankreichs Ex-Außenminister Bernard Kouchner brachte in seiner Rede sein Unverständnis über Behauptungen seitens China zum Ausdruck, Tibeter seien gewalttätig und deren Selbstverbrennungen "terroristische Akte". Dies sei "mehr als lächerlich".

Schutz tibetischer Kultur

Die Forderungen der Kundgebung, die von internationalen Tibet-Organisationen veranstaltet wurde, richteten sich insbesondere an die Europäische Union. Eine EU-Delegation solle nach Tibet reisen, um die Lage dort zu untersuchen. Außerdem möchten die Aktivisten das neue Amt eines EU-Sonderkoordinators in Brüssel sehen.

Die laut Polizeiangaben rund 2500 Teilnehmer der Veranstaltung rief der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, zum Schutz der "einzigartigen" tibetischen Kultur auf. Beim Buddhismus handle es sich um eine "Kultur des Friedens, der Gewaltlosigkeit, der Ehrlichkeit und des Mitgefühls", so der 76-Jährige, der seine politische Funktion im vergangenen Jahr zurücklegte.

Beziehung zu Heinrich Harrer

 

Österreich spielte im Leben des Dalai Lama von jeher eine große Rolle. Allen voran wurde der Bergsteiger Heinrich Harrer für ihn zur Bezugspersonen. Der 2006 verstorbene Harrer verbrachte "Sieben Jahre in Tibet" (so auch das gleichnamige Buch und der Film) und fungierte als Berater, Erzieher und schließlich Freund des 14. Dalai Lama. Zeit seines Lebens musste sich der Kärntner für seine NS-Vergangenheit - er war NSDAP- und SS-Mitglied - rechtfertigen, rund um seinen Tod gab es jedoch wenige kritische Stimmen.

Der Dalai Lama sagte in Klagenfurt, Harrer habe ihn gelehrt, "was Demokratie ist". Der Autor des Buches "Zwischen Hitler und Himalaya. Die Gedächtnislücken des Heinrich Harrer", Gerald Lehner, kritisierte in diesem Zusammenhang die Berichterstattung über den Dalai Lama-Besuch in Österreich. Westliche Medien würden ihm "unkritisch auf den Leim" gehen. Der Umgang des tibetischen Oberhauptes mit der europäischen Vergangenheit sei "fragwürdig".

 

(APA)