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Irland: „Geistersiedlungen“ als Mahnmale

Symbolbild
(c) REUTERS (CATHAL MCNAUGHTON)

Während der Boomjahre explodierten auf der Insel die Immobilienpreise, weshalb tausende Häuser gebaut wurden. Viele von ihnen stehen nun als Symbole des Exzesses, der Irland an den Rand des Ruins brachte, leer.

Dublin. Die Frau im rosa Sweatshirt und mit dem an der Leine ziehenden Labrador-Mischling winkt ab: „Ich weiß, dass es ein Fehler war, hier ein Haus zu kaufen. Ich will nicht drüber reden.“ Willkommen in Castlemoyne im Norden von Dublin, eine von fast 2800 „ghost estates“ in ganz Irland.

Die „Geistersiedlungen“ – teils nicht fertig gebaut, teils nicht bewohnt – sind bis heute die tristen grauen Betonwunden der „Emerald Isle“, der smaragdgrünen Insel: Mahnmale des kollektiven Immobilienwahns, der den „keltischen Tiger“ an den Rand des Ruins brachte und an dessen Folgen die Iren bis heute leiden. Manche der Quartiere, die sich in den neuen sterilen Pendlervororten der Hauptstadt genauso finden wie in entlegenen Provinznestern, bestehen nur aus einer Brachfläche mit Baugrube. In vielen wuchert der Löwenzahn zwischen den Betonfundamenten, wieder andere sind Rohbaugerippe oder komplett fertig, wurden aber nie bewohnt.

John Cullen und seine Familie gehörten 2007 zu den Ersten, die nach Castlemoyne zogen. Der selbstständige Landschaftsgärtner und seine Frau, eine Verwaltungsangestellte, bezahlten über 600.000 Euro für rund 150 Quadratmeter mit fünf Schlafzimmern auf drei Etagen – damals fast ein Schnäppchen. Kredite zu bekommen war kein Problem. Angst, sich finanziell zu übernehmen, hatten die beiden auch nicht: „Die Banken und die Regierung haben uns doch immer gesagt, dass alles prima ist“, sagt der Mann mit der wilden grauen Mähne und grinst halb bitter, halb verlegen. „Sie haben gelogen.“

Blick auf die Baugrube

Aus seinem Schlafzimmer im ersten Stock schaut Cullen auf die Rohbauten des zweiten Bauabschnitts von Castlemoyne. Es sieht aus, als ob die Bauleute kurz Pause machten – nur dauert die schon über vier Jahre, seit dem Bauträger abrupt der Geldhahn abgedreht wurde. Dutzende Häuser sind bezugsfertig, die rosa Haustüren nie benutzt und doch verwittert. Sein eigenes Haus sei inzwischen wohl höchstens noch die Hälfte wert, meint Cullen: „Ich kann es eh nicht verkaufen – wer will das schon, mit dem Blick?“



Dabei hat der Gärtner noch Glück: Er und seine Frau haben einen Job. Die Arbeitslosenquote stieg nach dem Crash von 4,5 auf über 14 Prozent. Und die Cullens können ihre Kredite weiter bedienen: Mehr als zehn Prozent der irischen Hauskäufer sind mit ihren Ratenzahlungen über 90 Tage im Rückstand. Finanzexperten spekulieren längst, wann die irischen Geldinstitute die nächste milliardenschwere Finanzspritze vom Staat brauchen. Und wann die irische Regierung weitere internationale Hilfen – etwa aus dem geplanten europäischen Stabilitätsmechanismus – benötigt.

Im Vergleich mit dieser drohenden Eskalationsstufe der irischen Schuldenkrise seien die Geistersiedlungen nur ein kleines Problem, sagt Professor Rob Kitchin von der „National University of Ireland“ in Maynooth. „Sie sind das sichtbare Symbol des Exzesses, deshalb sind sie wichtig“, so Kitchin. Doch die ungesicherten Baustellen sind gefährlich. Im Februar dieses Jahres ertrank ein zweijähriger Junge in Westmeath westlich von Dublin in einer Baugrube. Er war seinem Hund durch ein Loch im Zaun nachgekrabbelt. Die Regierung, so Kitchin, habe fünf Mio. Euro für die Sicherung der Siedlungen bereitgestellt. „Pro Estate sind das gerade mal 14.000 Euro – viel zu wenig.“

Die Geistersiedlungen sind nur ein Teil des gewaltigen Immobilien-Problems der Insel. Zwischen 1991 und 2011, schreibt Kitchin in einer Studie, wurden in Irland über 800.000 neue Wohnungen und Häuser gebaut – für nur 4,5 Mio. Einwohner. Schon 2006 standen über 215.000 Neubauten leer – trotzdem wurden danach noch einmal so viele errichtet. In den Boomjahren stiegen allein in Dublin die Immobilienpreise um über 400 Prozent – seit dem Crash stürzten sie vielerorts um mehr als die Hälfte ab.

Jedes fünfte Büro steht leer

Dazu kommen Millionen Quadratmeter leer stehender Gewerbeflächen –  allein in Dublin sind das ein Fünftel aller Büroräume, so Kitchin. Ein Großteil gehört inzwischen der „National Asset Management Agency“. Die ehemalige irische Regierung hatte diese „Bad Bank“ gegründet, um die faulen Immobilienkredite der sechs größten und vom Bankrott bedrohten Banken im Wert von fast 80 Milliarden Euro zu verwalten, für die sie zuvor die uneingeschränkte Garantie übernommen hatte.

Nach den Vorstellungen der neuen Koalitionsregierung sollen die lokalen Behörden gemeinsam mit Banken und Bauträgern individuelle Lösungen für die Geistersiedlungen finden. Doch vielerorts, so Kitchin, passiere gar nichts. Die scheinbar einfachste, aber auch radikalste Lösung – der Abriss – komme jedenfalls nicht in Frage: „Das wäre viel zu teuer.“