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Flughafen Berlin: Chronik eines geheim gehaltenen Debakels

(c) Dapd (Maja Hitij)
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Erste Bilanz zur Airport-Notbremsung.Eineinhalb Jahre Terminverzug, bis zu eine Milliarde mehr Kosten und die Politiker wussten von nichts. 10.000 Einladungen für die Eröffnungsfeier waren schon verschickt.

Berlin. Jetzt hat Manfred Körtgen genug Zeit für seine akademischen Ambitionen. Die ließ sich der gefeuerte Betriebsvorstand des Großflughafens Berlin Brandenburg (BER) freilich auch bisher nicht nehmen. Er promovierte neben seiner Arbeit. Thema der Dissertation: Wie man die Kommunikation bei komplexen Baumaßnahmen optimieren kann. In gewisser Hinsicht hat er das auch in der Praxis toll hingekriegt: Bis fast zur letzten Minute hielt die Betreibergesellschaft die Illusion aufrecht, der Flughafen könne am 3.Juni loslegen. Sogar 10.000 Einladungen für die Eröffnungsfeier waren schon verschickt. Da konnte ja wohl nicht mehr viel schiefgehen.

Es konnte, und wie. Am 8.Mai verkündeten Flughafen-Chef Rainer Schwarz und sein oberster Aufsichtsrat, der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, der verblüfften Öffentlichkeit, dass der Termin nicht zu halten sei. Der TÜV habe die Brandschutzeinrichtungen nicht abgenommen, weshalb alles um zwei bis drei Monate länger dauere. So lange müssten die Flieger weiter in Tegel und Schönefeld starten und landen.

Da schwang noch ungesagt mit: Kleinliche Kontrolleure blockieren uns. Doch der TÜV stellte alsbald klar: Er hatte gar keine Bestellung. Es gab nämlich noch keine Einrichtungen, die man kontrollieren könnte. Da gestanden Wowereit und Schwarz ein: Sie wussten schon im Dezember, dass der vollautomatische Brandschutz nicht rechtzeitig fertig wird. Nur hofften sie, die Mängel mit einer „Mensch-Maschine-Schnittstelle“ überbrücken zu können: 700 zusätzliche Mitarbeiter sollten in drei Schichten Feuerlöscher, Absaugungen und ein Drittel der 4000 Fluchttüren händisch betätigen – sofern sie nicht im Ernstfall selbst die Flucht ergriffen.

Eröffnung am 17.März 2013

Die Baupolizei legte sich letztlich quer. Und den Managern wurde im letzten Moment klar, dass sie den Wettlauf mit der Zeit verloren hatten. Noch dazu haushoch: Erst am 17.März 2013 kann der BER nun eröffnet werden. Denn der Brandschutz wird erst im Dezember fertig, und mitten im Winter die Ausstattung von Tegel zu übersiedeln wäre zu gefährlich.

Allzu lange war der Starttermin sakrosankt: Er musste halten, koste es, was es wolle. Um über 650 Mio. Euro wird sich der mit 2,4 Mrd. kalkulierte Bau verteuern, auch deshalb, weil sich zuletzt tausende Arbeiter unproduktiv im Weg standen. Dazu kamen „Standardsteigerungen“ sowie Um- und Anbauten für die von Brüssel geforderten Flüssigkeitsscanner. Alle Mehrkosten betreffen den Terminal, dessen Preis sich verdoppelt – also Dimensionen des Wiener Skylink. Der steht, weil er (nach vier Jahren Verzug) am 5.Juni tatsächlich in Betrieb geht, plötzlich besser da.

Die Sündenböcke waren schnell gefunden: Körtgen und die Generalplanungsfirma. Planung und Kontrolle will jetzt die Flughafengesellschaft selbst übernehmen – auch das ist einzigartig und, angesichts der Skylink-Erfahrungen, möglicherweise problematisch. Die Politiker im Aufsichtsrat aber putzen sich ab: Man habe sie falsch informiert. Neben Wowereit geht es um Brandenburgs Ministerpräsidenten, Matthias Platzeck, (beide SPD) und zwei Staatssekretäre der schwarz-gelben Regierung (Berlin und Brandenburg halten je 37, der Bund 26Prozent der Anteile). Grüne fordern die Ablöse der politischen Kontrollorgane. Selbst aus den geschönten Berichten, meinen sie, ließ sich die Gefahr für den Zeitplan herauslesen. Und misstrauisch hätten die Politiker seit Oktober sein müssen, als er zur ersten Verschiebung kam. Auf jeden Fall ist der Imageschaden für Stadt und Land enorm. Und Wowereit muss wohl endgültig auf eine bundespolitische Karriere verzichten.

Die Kostenbombe tickt indes weiter. Den Anrainern wurden Schallschutzfenster versprochen. Aber die verordneten Verglasungen sind dem Flughafen zu teuer. Verliert er auch dieses Gefecht, drohen weitere 300 Mio. an Kosten. Dazu kommen Schadenersatzforderungen von Lufthansa, Air Berlin und den Ladenpächtern. Und Tegel platzt aus allen Nähten.

Kann ein solches Projekt, das so aufwendig wie der Bau einer Kleinstadt ist, überhaupt kosten- und termingerecht fertig werden und dann funktionieren? Heathrow, Wien und Berlin sprechen dagegen. Atlanta spricht dafür: Der neue Terminal auf Amerikas größtem Flughafen eröffnete Mitte Mai – pünktlich und innerhalb des Budgetrahmens.

Auf einen Blick

Berlins neuer Flughafen wird statt am 3.Juni erst am 17.März 2013 eröffnet. Die Kosten betragen statt 2,4 Mrd. über drei Mrd. Euro. Ein Manager und die Planungsfirma wurden gefeuert. Aber auch Berlins Bürgermeister Wowereit gerät als Aufsichtsratschef unter Beschuss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2012)