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Österreichs Ausbildung hält mit Globalisierung nicht mit

(c) Clemens Fabry

Auf allen Ebenen fehlt es an qualifiziertem Personal, rügt die EU-Kommission. Das sei im Wettstreit mit Billiglohnländern fatal. Die Probleme beginnen in der Volksschule und enden bei den Hochschulen.

Brüssel. Noch ist Österreich im krisengeplagten Europa eine Insel der Seligen. Doch der Stolz der heimischen Politiker auf die niedrigste Arbeitslosenrate aller EU-Staaten täuscht über schwere Missstände im Bildungs- und Hochschulwesen hinweg.

Laut den neuesten Empfehlungen der Europäischen Kommission gibt es nämlich in Österreich auf allen Bildungsniveaus zu wenige qualifizierte Arbeitskräfte, die es mit der härter werdenden globalen Konkurrenz von Billiglohnländern aufnehmen können. „Österreich muss seine nicht preisbezogene Wettbewerbsfähigkeit durch einen verstärkten Schwerpunkt auf Forschung und Innovation verbessern“, mahnt die Kommission. Ein Land wie Österreich, das gleichzeitig stark von der Exportwirtschaft abhängig ist und hohe Lohnkosten hat, kann also künftig nur dann seinen Wohlstand bewahren, wenn seine Bürger schlauer als die Konkurrenz aus Übersee sind.

Die Probleme beginnen in der Volksschule und enden bei den Hochschulen. Österreich gebe zwar mehr für das Schulwesen aus als der Durchschnitt der EU-Staaten, doch die Leistungen der österreichischen Schüler bei internationalen Vergleichstests – allen voran den bekannten PISA-Prüfungen – sind unterdurchschnittlich.

 

Viele Schulabbrecher

In kaum einem europäischen Land bestimme die familiäre Herkunft so stark über die schulische Laufbahn der Kinder wie in Österreich. Und in kaum einem anderen Land brechen so viele Einwandererkinder die Schulbildung verfrüht ab: Im Jahr 2010 schlossen 21,2 Prozent aller außerhalb Österreichs geborenen Jugendlichen die Schule nicht ab. Hingegen gab es bei den hier geborenen Jugendlichen nur 5,8 Prozent Schulabbrecher. Dieses Missverhältnis zwischen Kosten und Leistung des Bildungssystems liegt laut Kommission zu einem Gutteil am Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden – einer „allseits bekannten Quelle für Ineffizienz“, wie es in dem Bericht spitz heißt. Brüssels Rat: „Signifikanter Nutzen könnte aus der Zusammenführung der Bezahlung der Lehrergehälter zwischen Bund und regionalen Behörden gezogen werden.“

Ähnlich das Bild an den Universitäten: Die Studienabbrecherquote ist mit rund 40 Prozent zu hoch, das Phänomen der „Massenuniversität“ führt verbunden mit dem Umstand, dass die Hochschulen fast ausschließlich vom Staat finanziert werden, zu einem wachsenden Problem. Die Kommission spricht sich für Studiengebühren aus, weil sie die Studiendauer verkürzen würden.

Auch die Forschungspolitik bekommt ihr Fett ab: Österreich sei ein „Innovationsnachfolger“, Forschung und Entwicklung international betrachtet ein Nachzügler, und die Einkünfte aus dem Verkauf von Patenten und dem Export innovativer Produkte seien mager.

Abseits all dessen wiederholte die Kommission ihre schon mehrfach geäußerte Sorge über die Lage der österreichischen Banken, weil sie besonders stark in Mittel- und Osteuropa engagiert sind. Auch die wachsenden Schulden von ÖBB und Asfinag seien eine „Quelle der Besorgnis“ für Österreichs Sanierungsziel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2012)