Autoindustrie. Für die USA sind Ford und General Motors, was die Voest für Österreich war. Doch die Autogiganten wanken - und mit ihnen ganze Städte.
Lansing/Detroit. "Public Tours" steht auf dem blauen Schild, das in das gigantische Fabriksareal weist. Folgt man ihm, endet man vor einer verschlossenen Gittertür. In einem Häuschen sitzt ein gelangweilter Sicherheitsbeamter. "Nein", kommt die tonlose Antwort, "es gibt keine Touren mehr." Auch wenn noch ein Schornstein raucht, wenn vereinzelt Autos auf dem riesigen Parkplatz stehen - hinter dem Zaun gibt es nichts zu besichtigen außer die jüngste Fabriksleiche von General Motors.
3500 Menschen haben hier am Fließband der "Lansing Car Assembly" 70 Jahre lang Autos für General Motors (GM) hergestellt. Vor wenigen Wochen verließ der letzte "Pontiac Grand Am" die Halle und steht vermutlich noch immer bei einem Händler herum. Denn immer weniger Menschen wollen kaufen, was der weltgrößte Autokonzern produziert.
In den 60ern kam jedes zweite in den USA zugelassene Fahrzeug von GM. Man sang Hymnen auf Cadillac und Chevrolet: Von Bruce Springsteen ("Thunder Road") über The Who ("Water") bis zu Don McLean ("American Pie"), in mehr als 200 Liedern kommt "Chevy" vor. Jetzt dichtet niemand mehr, mittlerweile ist nicht einmal mehr jedes vierte Auto aus dem Stall von GM. Angesichts horrender Verluste - im Vorjahr "verlor" GM 8,6 Mrd. Dollar - will GM 30.000 Arbeiter entlassen und zwölf Fabriken schließen.
Analysten bezweifeln, dass die Einschnitte tief genug sind. Für die Stadt Lansing sind sie tief genug. 4000 Arbeiter stehen auf der Straße. Wenn nach der Schließung des Metall-Zentrums und dem Produktionsende des Pickup-Cabrios SSR 1810 weitere dazukommen, wird es auf dem Arbeitsmarkt eng. Die Stadt verliert durch die Schließungen zwei Mill. Dollar Steuereinnahmen pro Jahr. Der Niedergang der US-Autoindustrie hat für den Bundesstaat Michigan und seine 9,9 Millionen Einwohner Konsequenzen. Seit 2000 haben GM, Ford und der Zulieferer Delphi, der vor der Pleite steht, US-weit 100.000 Menschen entlassen, vor allem in Michigan. Vielen Städten droht ein Schicksal wie Flint: Die "Vehicle City" mit einst stolzen 80.000 GM-Arbeitern ist zu einer Geisterstadt verkommen.
"Wir büßen für die Fehler des Managements", schimpft Chris Sherwood, Chef der lokalen Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) 652. Die Arbeiter seien fleißig, die Autos gut, nur die Vermarktung schlecht. Chris arbeitet in dritter Generation für GM. Sein Vater werkte am Fließband und vor ihm sein Vater - "es ist eine Familientradition". Eine Tradition, die sich für die Sherwoods bezahlt gemacht hat: Man lebt in einem netten Haus in der Vorstadt, der Vater bekommt eine ordentliche Firmenpension, GM bezahlt die großzügige Krankenversicherung für alle Familienmitglieder.
Mit solchen Sozialleistungen hat der Detroiter Konzern in den USA eine ganze Generation in den Mittelstand gehoben. Wer bei GM oder Ford angestellt war, der hatte den Arbeiterhimmel erreicht - wie einst bei der Voest in Linz. Jetzt fallen der Firma die finanziellen Zuckerln auf den Kopf: Allein für die Krankenversicherung von 1,1 Millionen Arbeitern, Pensionisten und Angehörigen muss GM jährlich 5,6 Mrd. Dollar aufwenden.
Umgerechnet auf verkaufte Autos heißt das: 1500 Dollar pro Fahrzeug kostet die Krankenversicherung, 600 Dollar die Pension. Zum Vergleich: Toyota muss pro Auto nur 500 Dollar für Kranken- und Pensionsversicherung kalkulieren.
Die, die in "Harry's Place" auf der Verlinden Avenue in Lansing sitzen, interessieren solche Rechnungen nicht. Vor ein paar Wochen haben sie in der Fabrik gearbeitet. Jetzt schlagen sie ihre Zeit mit Budweiser und Marlboro tot. "Danke, GM-Angestellte, für 80 Jahre", steht auf einem Plakat. Ob es "Harry's Place" weitere 80 Jahre geben wird? "Ich weiß nicht", sagt die Kellnerin. "Vermutlich nicht."