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Was ist 67 Jahre nach dem Untergang des Faschismus ein „Antifaschist“?

Ein Antifaschismus, der die Drohungen der Islamofaschisten gegen Israel verharmlost, verkommt zur eitlen ideologischen „Niemals vergessen“-Pose ohne jeglichen Nutzwert.

Es war ein höchst beachtenswertes Argument, mit dem sich Norbert Darabos jüngst gegen den Vorwurf stellte, er habe die iranischen nuklearen Vernichtungsambitionen gegenüber dem Judenstaat verharmlost („Israel stellt offenbar Außenfeinde wie den Iran in den Vordergrund, um von inneren sozialen Problemen abzulenken“).

Er sei, ließ der SPÖ-Verteidigungsminister zur Verteidigung seiner selbst daraufhin über sein Büro verlauten, nämlich ein „prononcierter Antifaschist “ (so ein Brief des Ministerbüros an die „Jerusalem Post“). Nun soll man Darabos' heldenhaftes Bekenntnis zum Antifaschismus anno 2012, also eh nur 67 Jahre nach dem Untergang des Faschismus in Europa, nicht geringschätzen. Zwar hat der deutsche Maler und Denker Anselm Kiefer für solche Fälle bemerkt: „Man kann nicht in einer Zeit, in der es nicht viel kostet, anti- zu sein, für sich ein Wort in Anspruch nehmen, das nur Sinn hat in einer Zeit, in der es das Leben gekostet hat, antifaschistisch zu sein.“

Stimmt. Aber schließlich ist es noch nicht gar so lang her, dass in sozialistischen Alleinregierungen nicht so sehr „prononcierte Antifaschisten“ vertreten waren, sondern ehemalige Nazis und SS-Männer mit SPÖ-Parteibuch; wohingegen erprobte Antifaschisten wie Simon Wiesenthal in der SPÖ nicht sonderlich geschätzt waren.

So besehen ist Herrn Darabos „lupenrein“ antifaschistische Gesinnung durchaus ein gewisser Fortschritt, jedenfalls für die hiesige Sozialdemokratie. Trotzdem ist es schon irgendwie eigenartig, dass der Antifaschismus, wie er im Milieu des SPÖ-Ministers gepflegt wird, ausschließlich tote Juden vor meist auch schon ziemlich toten Faschisten und Nazis beschützt; wohingegen dieser zeitgenössische Antifaschismus nichts dabei findet, die offiziell verkündeten Pläne der heutigen Islamofaschisten in Teheran für einen zweiten Holocaust an noch lebenden Juden zu verharmlosen, zu relativieren und damit letztlich leichter durchführbar zu machen.

Jenes pathetisch vorgetragene „Niemals vergessen“, mit dem sich führende sozialdemokratische Antifaschisten an hohen antifaschistischen Feiertagen feierlich gegenseitig die Lupenreinheit ihres Antifaschismus zertifizieren, hindert diesen Typus linker Antifaschisten im Einzelfall ja auch nicht daran, sich bei passender Gelegenheit und Opportunität mit jenen Palästinensergruppen gemein zu machen, die sich zum Ziel gesetzt haben, das teilweise Versagen der Nazis bei der vollständigen Ausrottung der Juden nachträglich zu beheben.

Aber ein Antifaschismus, der sich auf eine gefällige Pose reduziert, die ohne jede Auswirkung auf die Wirklichkeit bleibt – also etwa angesichts der islamofaschistischen Bedrohung Israels aus dem Iran–, kann keinen wirklichen moralischen Mehrwert beanspruchen. Ein solcher Antifaschismus, der den neuen Faschismus nicht sieht oder nicht sehen will, selbst wenn die neuen Faschisten ihre Absichten öffentlich machen, degeneriert zur hohlen Phrase – ungefähr so substanziell wie ein Luftballon ohne Hülle. Auch mit dem Transparent „Niemals vergessen“ kann man sich die Sicht auf die Wirklichkeit verstellen, wenn man darauf Wert legt.

Antifaschismus, hat der deutsche Politologe Manfred Funke einmal gespottet, sei „eine politische Allzweckwaffe mit Blendcharakter“. Norbert Darabos hat dafür gerade den Wahrheitsbeweis angetreten.


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Zum Autor:

Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2012)