Das Schreiben ist mehr als nur Fun und Freizeitbeschäftigung, meinen ernste Autoren. Echte Freibeuter lesen lieber Blogs.
Auf welche Seite sollte sich der aufgeklärte Leser in der hitzigen Debatte über das Urheberrecht schlagen? Auf die der Piraten, die es mit dem geistigen Eigentum nicht so genau nehmen, wenn sie sich flink und anonym im Netz bewegen wie der Revolutionär im trüben Gewässer? Oder auf die von Autoren, die noch mit Bleistift ihre Notizen über das Gewicht der Welt verfassen, deren Gedanken in einem seit 200 Jahren bewährten Modell gegen ein geringes Honorar, das man Tantiemen nennt, in Buchform gebracht werden – am besten in haltbarem Bleisatz?
Am Donnerstag war wieder so ein Tag, an dem sich das deutschsprachige Feuilleton wie abgesprochen der Produktpiraterie widmete. Die Entscheidung für ein starkes Urheberrecht sollte nach dieser Lektüre leicht fallen, wenn man auch nur die geringsten ästhetischen Ansprüche stellt: Jene Schriftsteller, die das geistige Eigentum vehement verteidigen, als ginge es um die Aufklärung an sich, schreiben prägnanter, eleganter und vernünftiger als die Verteidiger angeblicher Freiheit, die straffreien Gratiskonsum fordern.
Dreist ist Christoph Lauer von der Piratenpartei im Berliner Tagesspiegel, wenn er gegen die „Abmahnindustrie“ polemisiert. Nein, seine Bewegung wolle das Urheberrecht nicht abschaffen, sondern nur verkürzen, „den technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts anpassen“. Der entlarvende Satz aber lautet: „Das Filesharing für den Privatgebrauch soll entkriminalisiert werden.“ Auf Dummdeutsch heißt das doch wohl bei allem Lippenbekenntnis zu Autorenrechten: „Pirat nix zahlen! Pirat immer gratis!“
Soll man sie also an den Mast binden, jene Autoren, die sich erdreisten, Lohn zu fordern? Das wäre doch schade, wenn man liest, was Karl-Heinz Ott in der Neuen Zürcher Zeitung zur Causa sagt. Er verteidigt sein Handwerk gegen die neuen Medien und plädiert für mehr Muse: „Es ist eben nicht egal, ob man einfach drauflosredet oder drauflosschreibt oder ob man an einem Werk feilt, das in jahrelanger Konzentrationsarbeit entsteht und in dem am Ende kein einziger Satz den Eindruck des Beliebigen und Zufälligen macht.“ Diese Art von Literatur habe wenig mit Fun und Freizeitbeschäftigung zu tun, sondern mit einer Transzendenzerfahrung. Ott schätzt, was für Piraten nicht mehr „systemrelevant“ ist.
Thomas Hettche bekennt sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ebenfalls zum „Geschäftsmodell Buch“, zu jener „Flaschenpost aus einer anderen Welt, die, gerade weil sie nicht auf Diskursivität angelegt ist, uns ergreift und beschäftigt“. Bei solchen Botschaften aber sind echte Freibeuter taub. Der deutsche Piraten-Kapitän Bernd Schlömer gibt in der Zeit zu, dass er jenes Wochenblatt gar nicht lese, ja nicht einmal den Spiegel. Er konsumiert lieber Blogs. Arme Politik!
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2012)