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Günther Platters Fauxpas

Vier Erkenntnisse zu der Vier-Worte-Frage des Tiroler Landeshauptmanns an David Alaba: „How do you do?“

Der von Landeshauptmann Günther Platter selbst als „Fauxpas“ bezeichnete Versuch, mit David Alaba, einem Spieler der österreichischen Fußballnationalmannschaft, auf Englisch zu konversieren, hat viel Häme geerntet. Platters Leistung ist aber nicht zu unterschätzen: Seine kurze Frage fasst die Debatte um die Integration von MigrantInnen im Allgemeinen und deren angeblich so schlechten Deutschkenntnisse im Besonderen nahezu perfekt zusammen. Sie steht paradigmatisch für gleich vier Punkte.

Als Prolog dabei fungiert die Erkenntnis, dass Platter keine Ahnung von Fußball hat. Das ist nicht weiter schlimm. Die eigentliche Geschichte ist aber natürlich eine andere. Die Vermutung, wie Platter auf die Idee kam, die Unterhaltung mit dem österreichischen Teamspieler auf Englisch zu führen, liegt nahe: Der vor 20 Jahren in Wien geborene Alaba ist Sohn eines Nigerianers und einer Philippinin. Der Schluss des Landeshauptmanns: Wer schwarz ist, kommt nicht aus Österreich.

In einem Land, das sich hartnäckig weigert, Migration als Realität und nicht als Abweichung von einer imaginierten Norm anzuerkennen, steht er damit nicht allein da. Man kennt die Frage, woher jemand „eigentlich“ komme. Sie wird hierzulande Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund tagtäglich gestellt, und ein Ort in Österreich wird dabei nur selten als Antwort akzeptiert.

Platters Erklärung aber war eine andere, sie führt uns direkt zu Punkt zwei. Er habe kurz vor dem Zusammentreffen eine Unterhaltung Alabas mit dem britischen Konditionstrainer der Nationalmannschaft mitgehört, und diese wurde auf Englisch geführt. Platter schloss also: Wer nicht Deutsch spricht, kann kein Deutsch.

 

„Im Interesse der Republik“

Die Möglichkeit, zwei oder mehrere Sprachen nebeneinander lernen oder sprechen zu können, wird negiert, die Unterhaltung in der einen Sprache als Beweis für das Unvermögen der anderen genommen. Und damit sind wir bei Punkt drei: Die unterstellten schlechten Deutschkenntnisse entstehen zu einem Gutteil in den Köpfen. Und zwar in den Köpfen derer, die nicht verstehen wollen, dass es viele Gründe geben kann, in unterschiedlichen Situationen und mit unterschiedlichen Personen unterschiedliche Sprachen zu verwenden und nicht jedes gesprochene englische, türkische, spanische oder serbische Wort ein Beweis für die Unkenntnis des entsprechenden deutschen ist.

Der vierte Punkt bringt uns wieder zurück auf den Fußballplatz und zeigt schließlich die Bigotterie der gesamten Debatte auf. Selbst Platter muss klar gewesen sein, dass man nur mit österreichischem Pass in der österreichischen Nationalmannschaft mitspielen darf. Diesen hat man entweder von Geburt an oder irgendwann verliehen bekommen. In der Regel mit hohen Auflagen, nicht zuletzt was die Deutschkenntnisse betrifft.

Aber Platter wusste auch: Wer Fußballspielen kann, braucht kein Deutsch können. Wer nämlich „im Interesse der Republik“ Tore schießt, Opern singt oder Geld investiert, für den gelten andere Regeln.

Dem Smalltalk wird unrecht getan. Die langweilige rhetorische Floskel „How do you do?“ hat wahrscheinlich noch selten so viel Bedeutung transportiert und über eine Person preisgegeben wie im Fall Platter.

Gerd Valchars, Politikwissenschaftler, ist Lektor am Institut für Staatswissenschaft der Uni Wien.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)