In einer Woche beginnt die 13. Documenta. Und wieder werde ich dieses epochale Ereignis versäumen, diesmal, weil ich zwei tierische Aktionisten in Wien füttern muss.
Nach dem Frühstück, wenn die Kinder aus dem Haus sind und ich endlich die Muße für einen Mokka habe, lese ich unseren Katzen Pythagoras und Maunzi gelegentlich Schnurren aus der Zeitung vor. Sie sind geduldige Hörer und lassen sich trotzdem beileibe nicht vom Fressen abhalten. Aber als ich ihnen diese Woche ein Filetstück aus dem Feuilleton der Süddeutschen Zeitungunterbreitete, merkten sie plötzlich auf. Pythagoras schnurrte, Maunzi purrte, sie hoben ihre Tatzen, mit denen sie zuvor wild in ihren bunten kleinen Schüsseln gerührt hatten.
Die Aufregung übertrug sich auch auf mich, denn mit etwas künstlerischer Fantasie konnte man nun erkennen, dass ihre Trockenfutterreste symbolische Formen ergaben: „Frt“ war in Maunzis Napf zu lesen, vielleicht aber hieß es einfach nur „Art“. Bei Pythagoras hingegen machte ich eindeutig die Form des Franz von Assisi mit ausgebreiteten Armen aus – oder der Mickymaus, wie man sie von Claes Oldenburg kennt. Dabei waren unsere Katzen meines Wissens noch gar nicht im Mumok, sondern nur in Meidlinger Hinterhöfen. Es muss sich also bei ihrer Arte povera um angeborene Ideen handeln, die eben nicht nur, wie die bisherige Kunstgeschichte lehrt, alte schwedische Popkünstler und verhuschte Kuratoren aus Übersee besitzen, sondern auch einjährige steirische Landkatzen.
Ich wollte nun von den Professoren Pythagoras und Maunzi wissen, für wie felidaephil sie die artifizielle Leiterin der ehrwürdigen Documenta halten. Carolyn Christov-Bakargiev aus New Jersey hatte der SZ ein Interview gewährt, in dem sie nicht nur Kunst für Tiere propagiert, sondern auch für Pflanzen. Von der bildnerischen Freiheit ist es offenbar nicht mehr weit zur Beliebigkeit der Politik. Christov-Bakargiev: „Die Frage ist nicht, ob wir Hunden oder Erdbeeren die Erlaubnis zum Wählen erteilen, sondern wie eine Erdbeere ihre politische Intention vorbringen kann. Ich will Tiere und Pflanzen nicht schützen, sondern emanzipieren.“
Diese kunstvollen Sätze der Documenta-Chefin ließ ich langsam auf meine Künstlerkatzen einwirken und las sie ihnen gleich noch einmal vor, so langsam und deutlich, dass es sogar unser junger Kirschbaum im Garten verstehen konnte. Er wedelte wild mit seinen Blättern, hielt sich aber mit dem Action painting zurück. Dabei wäre es doch so einfach. „Alles kann Material für Kunst sein,“ doziert Christov-Bakargiev und rät davon ab, in den Grenzen der Disziplin zu verharren: „Ich denke nicht, dass die Werke der Menschen besser sind als andere Werke. Auch ihr Körper steckt voller Bakterien, ist besetzt von anderen Lebewesen. Sie sind von anderen Realitäten durchdrungen.“
Letzteres trug ich hypochondrisch flüsternd vor. Jetzt hielt ich es für günstig, demokratisch abstimmen zu lassen, ob wir es heuer wagen sollten, nach Kassel zu fahren. Kirsch- und Apfelbäume enthielten sich der Stimme. Ich hob hoffnungsvoll die Hand. Doch dann haben mich die Katzen und der Kaffeesatz einfach überstimmt. Ich werde also auch die Documenta XIII nicht sehen, werde nicht mit Carolyn Christov-Bakargiev diskursiv durchs Gemüse wandeln, obwohl ich bereits ahne: Es wird dort in Nordhessen tierisch ernst zugehen bei der hohen Kunst der Pflanzerei.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)