Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostete am Freitag erstmals seit Monaten wieder weniger als hundert Dollar. Konjunktursorgen schicken den Preis auf Talfahrt.
Wien/Ag./Nst. Erstmals seit acht Monaten ist Öl der Nordseesorte Brent unter die Marke von hundert Dollar gefallen. Der Preis gab am Freitag um etwa drei Prozent auf rund 99 Dollar je Barrel (159 Liter) nach. Zu Jahresbeginn kostete ein Fass noch 109 Dollar.
Der Preisrückgang unter die psychologisch wichtige Marke zum Wochenausgang ist Händlern zufolge unter anderem den schlechten Wirtschaftsdaten aus China geschuldet. Der Einkaufsmanager-Index für die Industrie fiel im Mai mit 50,4 Punkten auf den niedrigsten Stand in diesem Jahr. Ein Wert unter 50 Punkten signalisiert Wachstumsrückgänge, darüber Zuwächse.
Auch aus Europa kamen schlechte Nachrichten: Der entsprechende Index für die Eurozone sank im Mai auf 45,1 Punkte – und damit den schlechtesten Wert seit Mitte 2009. „Dies zeigt, dass sowohl die Finanzkrise als auch die politische Unsicherheit mittlerweile verheerende Auswirkungen auf die Realwirtschaft im gesamten Währungsgebiet haben“, sagt der für die Umfrage zuständige Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Und weiter: „Die Lage verschlechtert sich in alarmierendem Tempo.“
Noch in den ersten Monaten dieses Jahres hat der Ölpreis, wie andere Rohstoffe auch, eine Kursrallye hingelegt. Zurückzuführen ist dies unter anderem auf die Geldschwemme der Notenbanken. Die europäische Zentralbank hat das Bankensystem Ende Februar mit 530 Mrd. Euro geflutet. Das Geld, eigentlich zum Kauf von Staatsanleihen gedacht, floss zu einem großen Teil auch in Aktien und Rohstoffe.
Iran-Konflikt derzeit kein Thema
Mittlerweile haben sich die Preise an den Rohstoffmärkten wieder entspannt. Externe Faktoren seien der Grund für die Korrekturen, sagt Commerzbank-Analystin Barbara Lambrecht. Die Verschärfung der Schuldenkrise in Europa habe dazu beigetragen, dass die Risikoaversion der Anleger wieder gestiegen sei. Weiters belasten globale Konjunktursorgen die Märkte, auch der festere Dollarkurs gegenüber dem Euro spiele eine Rolle.
Einen monokausalen Zusammenhang zwischen dem Dollar und dem Ölpreis gebe es jedoch nicht zwangsläufig, sagt Lambrecht. „Das kommt immer darauf an, wie der Markt das wahrnimmt.“ Generell belaste die gesamte Finanzmarktstimmung auch den Ölpreis.
Dieser sinkt tendenziell dann, wenn die Konjunktur schwächelt – auch weil die Nachfrage sinkt. Erste-Bank-Analyst Ronald Stöferle gibt außerdem zu bedenken, dass Beruhigung in den Atomkonflikt rund um den Iran eingekehrt sei. Vor Monaten hat die Angst vor einer Eskalation des Konflikts den Preis nach oben getrieben.
USA lagern mehr
Auch Lambrecht sagt, die Märkte blendeten das Thema Iran zurzeit aus. Bei der nächsten in Moskau stattfindenden Gesprächsrunde mit dem Land Mitte Juni werde man aber „noch mal genauer hinschauen“. Kocht das Thema erneut hoch, seien die Auswirkungen auf den Brent-Preis stärker als auf die US-Sorte WTI.
Doch auch der Preis für WTI-Öl war in jüngster Zeit rückläufig. Das Minus von 17,5 Prozent im Mai war so stark wie seit 2008 nicht mehr, schreiben Analysten der Commerzbank. Hinzu kommen steigende Lagerdaten in den USA. Die Vorräte befinden sich seit einigen Wochen auf dem höchsten Stand seit 1990.
Für Brent rechnet Stöferle bis März 2013 auf Jahressicht mit einem durchschnittlichen Preis von 126 Dollar je Fass. Lambrecht ist der Ansicht, der Preis werde sich in der zweiten Jahreshälfte festigen. Auf eine genaue Zahl will sie sich nicht festlegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)