Alte Sorten. Zwischen weiß-lila und lila-weiß gestreiften Rosenblüten liegt ein Unterschied, der möglicherweise nur Rosenmenschen auffällt, diese dafür aber in Entzücken versetzt.
Es ist schon erstaunlich, dass ein und dieselbe Kreatur so unterschiedliche Dinge hervorbringt, wie einerseits ferngesteuerte Vernichtungswaffen, Analogkäse und Skipisten in der Wüste und andererseits Rosensorten wie etwa „Ferdinand Pichard“ und „Variegata di Bologna“. Die beiden blühen gerade. Es ist fantastisch. Die eine blüht dunkellila-rosa mit weißen Streifen, die andere weiß mit dunkellila-rosa Streifen.
Wo ist der Unterschied?, mögen manche fragen. Tja, kann man da nur antworten, am besten, man probiert es aus, setzt beide Rosen nebeneinander und wartet ab. Genau das passierte in diesem Garten im letzten Jahr um diese Zeit. Die Rosenstöcke waren wurzelnackt, mickrig und viel zu spät im Juni via Post angekommen. Eigentlich waren sie nach einer langen Reise so gut wie hinüber, jedenfalls sahen sie erbärmlich vertrocknet, blattlos und zum Sterben aus.
Doch Rosen sind zäh, viel anspruchsloser, als man glaubt. Aus wenigen Ästchen entwickelten sich übers Jahr wider Erwarten zwei fast schon als stattlich zu bezeichnende Rosenbüsche. Ich spreche von Metern, nicht von Dezimetern. Auf jedem Busch sitzen zahllose Blüten und noch mehr Knospen, das Spektakel wird also noch ein paar Wochen andauern. Noch dazu haben diese außergewöhnlichen Streifenblüten die Eigenschaft, im Laufe ihres kurzen Lebens die Farbintensität zu verändern. Die Variegata-Blüten werden im Alter bläulich, der alte Ferdinand dunkelt ins Magenta nach. Wenn Sie ein Rosenmensch sind, werden Sie die Freude verstehen. Wenn nicht, dann entgeht ihnen schlicht etwas.
Eine plötzliche Mutation
Ach, werden die Kenner sagen, gestreifte Rosen! Wie schön altmodisch und wie aktuell zugleich. Unvergleichlicher Duft, übrigens, wie vornehme Seife in Urgroßmutters Wäscheschrank. Und wie wenig weiß man über den Mann, der den alten Ferdinand im Jahr 1921 gezüchtet hat. Rémi Tanné hieß er, und das Rosenzüchten war nur ein Hobby des Franzosen. Gaetano Bonfiglioli hingegen, der 1909 in Bologna für die Variegata verantwortlich zeichnete, war ein Profi. Doch die Rosen sind Anarchisten und Vagabunden, sie sind unberechenbare fantastische Kreaturen. Die Variegata entstand nicht aus sorgfältigen jahrelangen Kreuzungen, sondern war eine plötzliche Mutation, ein willkürlicher Haken, den die Natur schlug, als ein Ast der dunkellila blühenden „Victor Emmanuel“ plötzlich ins Weiß-Lila-Gestreifte mutierte.
Manchmal kommt es vor, dass die Variegata in manchen Ästen wieder zum alten Victor umschlägt und rein violett blüht. Über hundert Jahre später und im Garten eines Menschen, der womöglich gar nicht weiß, was da wächst. Deshalb mein Rat: Führen Sie Buch. Schreiben Sie die Namen der Rosen auf, die Sie pflanzen. Sie vergessen sie unweigerlich und dann geht es Ihnen so wie Karin P., die seit Jahren den Namen einer ganz bestimmten Rose sucht, die ihr lieb war, die aber einen besonders kalten Winter nicht überlebte.
Außerdem macht es Spaß, die Geschichte der Sorten und Gruppen nachzulesen. Wenn Rosenmenschen über ihre Rosensorten reden, dann werden verwandtschaftliche Beziehungen hervorgekramt, Züchtergeschichten erzählt und besondere Eigenschaften gepriesen. Spezieller Duft, ausgefallene Farben und Formen, Größe und Kletterfreudigkeit etwa. Die Rosengenealogie ist kompliziert und geht Jahrtausende zurück. Aus uralten orientalischen Rosen, aus europäischen Wildrosen, aus chinesischen Gartenrosen entstanden unzählige Arten und tausende Sorten. Mehrere Leben könnte man mit ihrem Studium verbringen und mit der Geschichte der Rosenzüchter, die diese Pflanzen aus fernen Ländern holten und miteinander vermählten, und eigentlich wäre das nicht die schlechteste Beschäftigung.
Vor wenigen Tagen stand ein Grüppchen Menschen vor einem Regal eines Discounters. Eigentlich wollte man nur Milch, Brot und hoffentlich echten Käse einkaufen, doch hier waren auch Rosen. In Töpfen und im Angebot. Polyantha, stand auf den Etiketten, und Weiß, Rosa, Dunkelrot. Polyanthes heißt vielblütig, die Ahnen dieser Züchtungen kamen im 18.Jahrhundert aus Ostasien nach Europa. Schon wieder eine Rose, seufzte der Gatte jener Dame, die gerade einen Topf in den Einkaufswagen hob. Wir verließen das Geschäft gemeinsam, ob mit oder ohne Käse habe ich vergessen, den Wagen voller Rosen, ein seliges Lächeln im Gesicht.
Für die Gartenlaube
Rosenbücher gibt es fast so viele wie Rosensorten. Eine wirklich gute Übersicht über alte und neue Rosen gibt das bereits vor Jahren erstmals erschienene Nachschlagwerk der britischen Royal Horticultural Society mit Titel „Rosen. Die große Enzyklopädie“ (Dorling Kindersley Verlag, 24,95 €). Darin werden die 2000 wichtigsten Sorten in alphabetischer Ordnung ausgezeichnet beschrieben. Achtung! Rosensuchtgefahr!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)