Ragweed

Mehr als 100 Jahre war Ragweed sehr selten. Seit 2005 verbreitet sich die Allergiepflanze aber rasant. Schnelles Handeln ist angesagt.

Bisher ist die Pollensaison für Allergiker glimpflich abgelaufen. Die Birken waren heuer nicht allzu aggressiv, leichte bis mäßige Belastung gibt es derzeit durch Gräser. Aber das dicke Ende für viele Allergiker kommt noch: Mitte Juli wird Ragweed, auf Deutsch das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) zu blühen beginnen. Mittlerweile sind bereits 30 Prozent aller Pollenbeschwerden auf diese Pflanze zurückzuführen. Tendenz steigend.

Ragweed ist äußerst unangenehm: Schon wenige Pollen in der Luft genügen, um Beschwerden auszulösen. Und die Pflanze vermehrt sich rasant: Ein einziges Individuum kann bis zu 60.000 Samen bilden, die im nächsten Jahr auskeimen könnten – falls die Bedingungen stimmen. Und diese werden in letzter Zeit hierzulande immer besser. Derzeit befindet sich Ragweed in einer Phase der „dynamischen Ausbreitung“, hat eine Forschergruppe kürzlich herausgefunden. Die Pflanze ist nämlich ein Neuling in Europa: Eingeschleppt wurde sie Mitte des 19. Jahrhunderts aus Nordamerika durch Saatgutimporte. Lange Zeit blieb sie selten, aber seit dem Jahr 1990 breitet sie sich rasch aus, besonders schnell seit dem Jahr 2005.

Für Botaniker ist das in gewisser Weise ein Glücksfall: Ragweed sei nämlich ein „idealer Modellorganismus, um Grundlagen der Invasionsdynamik zu erforschen“, heißt es im Abschlussbericht eines Forschungsprojekts, in dem Uni Wien, Boku, Ages und Umweltbundesamt kooperierten. Die Dynamik ist die Folge vieler Faktoren, die zusammenwirken: etwa Klimaerwärmung, der Ausbau der Straßennetze oder Änderungen der Landnutzung.

Aus Forschungsprojekten heraus wissen die Experten nun, wo man bei der Bekämpfung ansetzen kann (ragweed.boku.ac.at). Erstens muss die Einschleppung durch Tierfutter und Saatgut gestoppt werden – die EU hat bereits strengere Grenzwerte erlassen. Zweitens kann die Ausbreitung durch an den jeweiligen Standort angepasste Maßnahmen eingedämmt werden. Dazu müssten etwa die Mahd-Zeitpunkte der Straßenbankette verändert werden – das derzeitige Mähregime begünstigt nämlich die Ausbreitung von Ragweed. In der Landwirtschaft müssen einzelne Pflanzen händisch entfernt werden, hilfreich sind zudem häufige Fruchtfolgen und mechanische Bodenbearbeitung. Und drittens muss das Schnittgut sicher entsorgt werden: vor der Samenbildung in Kompostieranlagen, danach (also ab Mitte August) muss es in professionellen Biogasanlagen vernichtet werden.

Allerdings: Mit diesen Maßnahmen kann man nur die Ausbreitung eindämmen. Denn ausgerottet, da sind sich die Forscher sicher, kann Ragweed nicht mehr werden.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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