Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ein Berghang als kriechende Gefahr?

Barbara Schneider-Muntau hat "kriechende Hänge" in Tirol untersucht und ein Modell entwickelt, wie man die Gefahr eines Hangrutsches frühzeitig erkennen kann.

„Der Hang ist an sich stabil, aber er bewegt sich doch“, sagt Barbara Schneider-Muntau, gebürtige Bayerin, über ihr Dissertationsthema. Denn „kriechende Hänge“ sind gefährlich, wenn aus dem Kriechen plötzlich eine schnelle Bewegung wird. Solche „Massenbewegungen“ sind eine große Naturgefahr: In anderen Ländern haben plötzlich beschleunigende Kriechhänge ganze Dörfer zerstört und Menschen in den Tod gerissen. „Die meisten Berechnungen für Hangsicherheit untersuchen die Stabilität des Hanges“, so die Forscherin, die seit 2003 in Innsbruck lebt. Kriechende Hänge sind eine Mischform: Die meiste Zeit sind sie stabil, bewegen sich nur wenige Zentimeter pro Jahr. Doch nahe an der „Stabilitätsgrenze“, dem Zeitpunkt, ab dem der Hang gefährlich beschleunigt, verändern sich seine Eigenschaften. Das heißt, es braucht andere Ansätze als allgemeine Stabilitätsberechnungen, um das Wesen der kriechenden Hänge zu begreifen. Solche Ansätze hat Schneider-Muntau in ihrer Dissertation (Uni Innsbruck, Institut für Infrastruktur, Betreuer Wolfgang Fellin) erarbeitet: „Die entwickelten Modelle können berechnen, wie schnell so ein Hang kriecht – abhängig von äußeren Faktoren.“ Das Problem ist, dass man die Bewegung eines kriechenden Hanges mit bloßem Auge nicht sieht.

Wenn der Hang nicht direkt über wichtigen Infrastrukturprojekten wie Stauseen oder Autobahnen gelegen ist, in deren Umgebung die Bewegung von Erdreich genau erfasst wird, fällt es keinem auf, ob ein Hang kriecht. Die Kriechbewegung erfolgt durch Verformungen der „Scherzone“, jener Bodenschicht, die „nicht rutschfest“ ist. Schneider-Muntau konnte von dem Kriechhang Hochmais-Atemkopf oberhalb des Gepatsch-Stausees in den Ötztaler Alpen kübelweise Bodenmaterial aus der Scherzone entnehmen und im Labor in kleine Zellen füllen. Dann wurde über mehrere Monate gemessen, wie sich das Material unter verschiedenen Belastungen verformt. „Dies wurde mit Daten zur Bewegung dieses Hanges verglichen, der seit 50 Jahren überwacht wird.“ Daraus wurde das neue Simulationsmodell entwickelt, das sowohl Grundwasserschwankungen als auch die Wasserhöhe von Stausee, Starkregenereignisse oder die Schneeschmelze berücksichtigt. So kann nun für verschiedenste kriechende Hänge abgeschätzt werden, ab welcher Grundwasserströmung die Hangbewegung zu einer Gefahr wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)