Deutschland: Gute Zeiten, schlechte Arbeit

Deutschland Gute Zeiten schlechte
Deutschland Gute Zeiten schlechte(c) Clemens Fabry
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In Deutschland glaubt man nicht an den eigenen Erfolg. Der Talkshow-Tenor lautet: Sichere Jobs werden durch prekäre Arbeitsverhältnisse verdrängt. Die Zahlen zeigen: Alles nicht wahr.

Im Fernsehen bekommt das Schicksal ein Gesicht. Zuweilen auch ein sehr attraktives, wie das von Jennifer Cook. Die 22-jährige Berlinerin mit karibischen Wurzeln hat maturiert und Köchin gelernt. Aber weil ein Restaurantbesitzer ihre 70 monatlichen Überstunden nicht bezahlt, verdient sie umgerechnet nur 3,50 Euro pro Stunde. Deshalb hat sie – Mut lässt sich nicht kaufen – ihren Arbeitgeber verklagt. Und niemand außer diesem Gauner selbst würde ihr dabei nicht viel Glück wünschen.

Auch Susanne Neumann lässt sich nichts gefallen. Die streitbare Putzfrau aus Gelsenkirchen wetterte schon zu mehreren Sendeterminen gegen Sechsmonatsverträge und die Aushebelung des Kündigungsschutzes. Zornesrot stellt sich die Betriebsrätin einer Reinigungsfirma vor Ökonomen und FDP-Abgeordnete und polemisiert gegen deren superschlaue Argumente und Statistiken, dass es eine Freude ist – für die Moderatorin, das tobende Saalpublikum und Millionen Deutsche vor den Bildschirmen. Es geht ihnen nämlich nie um einzelne schwarze Schafe. Nein, es geht ums große Ganze, um jene Botschaft, die seit Jahren in gefühlten tausend Talkshows Deutschlands transportiert wird: Der wirtschaftliche Erfolg, den die Tagesschau verkündet, kommt bei den Menschen nicht an. Von ihm profitieren nur Exportunternehmer und Kapitalbesitzer. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer.

Der Blues hat Konjunktur. Dass die Arbeitslosenrate im Mai mit 6,7 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 1992 gefallen ist, wird vom Tisch gewischt. Denn der statistische Erfolg sei ja mit einer menschenverachtenden „Niedriglohnstrategie“ erkauft. Leiharbeit, Prekariat und Minijobs höhlen die gesicherte Arbeitswelt aus. Das Lohndumping schüre Existenzängste: Auch der Blues hat Konjunktur. Die Wurzel des suggerierten Übels wird nicht verschwiegen: Es sind die Arbeitsmarktreformen der „Agenda 2010“. Damit dies auch alle kapieren, tragen die Sendungen Titel wie „Wenn Arbeit arm macht“, „Unten schuften, oben kassieren“ oder „Malochen lohnt nicht“.

Könnten die per Kabel oder Satellit angeschlossenen Italiener, Spanier und Portugiesen besser Deutsch, sie würden ihren Ohren nicht trauen. Denn sie blicken bisher voller Respekt auf die Entwicklung, die der frühere „kranke Mann Europas“ genommen hat. Solides Wachstum, immer weniger Arbeitslose – genau das wünschen sich die krisengeplagten Südländer. Deshalb kopieren sie jene Reformen, die an ihrem Ursprung verteufelt werden.

Wer hat das deutsche Modell nun besser verstanden? Die Antwort liefert nur die Statistik. Ihre Zahlen sprechen in einem weit weniger aufgeregten Ton, ja sogar in einer anderen Sprache: Die flexiblen Beschäftigungsverhältnisse, die durch Schröders Agenda erleichtert wurden, gehen nicht auf Kosten der Normalarbeitsplätze. Vielmehr bieten sie bisher Nichtbeschäftigten einen Einstieg in den Arbeitsmarkt. In Summe ändern sich dessen Strukturen wenig. Nur die Zahl der Arbeitslosen geht dramatisch zurück (siehe Grafik).

(c) Die Presse / HR

Schröders Reformen waren ein kalkuliertes Risiko. Die Sockelarbeitslosigkeit, die auch in Boomphasen bestehen bleibt, hatte schon seit den Achtzigern mit jedem Konjunkturzyklus zugenommen. Zu hohe Lohnabschlüsse und ein rigides Arbeitsrecht hielten die Unternehmen davon ab, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Das wurde für den sozialen Zusammenhalt und die Staatskasse immer gefährlicher. Es musste etwas geschehen. Zwei Wege standen zur Auswahl. Zum einen der dänische: eine radikale Lockerung des Kündigungsschutzes. Das war der rot-grünen Koalition zu heiß. Sie wählte die Alternative. Die Normalarbeitsverhältnisse, von Franz Müntefering später als die „gute Arbeit“ beschworen und verklärt, blieben unberührt: sozialversicherungspflichtige Vollzeitjobs mit Kündigungsschutz. Doch daneben schuf man Luft: Leiharbeit, befristete Arbeitsverträge, Teilzeit und geringfügige Beschäftigung wurden gefördert.

Es kommt nichts Schlechteres nach. Politisch ging das schief: Schröders Regierung wurde 2005 abgewählt. Doch im Aufschwung von 2005 bis Anfang 2008 kam die erhoffte Dynamik in Gang und hält bis heute an: Die Sockelarbeitslosigkeit geht drastisch zurück, und das, obwohl Frauen und Migranten auf den Arbeitsmarkt strömen. Tatsächlich ist ein guter Teil der neuen Jobs „atypische Beschäftigung“. Das ist kaum verwunderlich: Ein ungelernter Langzeitarbeitsloser wird erst einmal auf Probe eingestellt. Menschen (meist Frauen), die erstmals einen Job annehmen, daneben Kinder erziehen oder Angehörige pflegen, wollen (vorerst) nur Teilzeit oder geringfügig arbeiten. Entscheidend aber ist: Der Anteil der „Normalarbeitsplätze“ an der Erwerbsbevölkerung (den Arbeitenden und Arbeitssuchenden) ist nicht gesunken, sondern gestiegen. Von einer systematischen Verdrängung „guter Arbeit“ kann also keine Rede sein.

Daran änderte auch die globale Rezession nichts. Keine große Industrienation hat sie so elegant durchtaucht wie Deutschland. Das lag unter anderem auch an den knappen zwei Prozent Leiharbeitern. Zuerst wurden sie reduziert, und bevor das Stammpersonal betroffen war, ging die Krise zu Ende. Im unerwartet raschen Aufschwung musste die Industrie keine Aufträge ablehnen, weil sie die Produktion durch Leiharbeiter rasch wieder hochfahren konnte.

Und die 1,3 Millionen „Aufstocker“? Von ihnen heißt es: Sie werden so unfair entlohnt, dass sie zusätzlich Arbeitslosengeld beziehen müssen, um über die Runden zu kommen. Und tatsächlich wird dieses Instrument von einigen Lohndrückern missbraucht, auf Kosten der Mitarbeiter und Steuerzahler. Jeder dieser Fälle ist einer zu viel.

Doch werden die Dimensionen gewaltig übertrieben. Schon die Bezeichnung „Aufstocker“ ist irreführend. Bei über drei Viertel von ihnen läuft es umgekehrt: Sie bessern ihren Hartz-IV-Bezug mit einem kleinen Hinzuverdienst auf. Und von den Vollzeitbeschäftigten ist wiederum nur ein kleiner Teil auf Dauer (mehr als ein Jahr) auf ergänzende staatliche Unterstützung angewiesen. Statistisch geht es so in den Promillebereich. Eine Reservearmee von „Working Poor“ sieht anders aus.

Die Schere steht still. Die steigende Beschäftigung hat einen willkommenen Nebeneffekt: Sie stärkt die Massenkaufkraft, übrigens weit mehr als Reallohnerhöhungen, die über dem Produktivitätszuwachs liegen. Damit erfüllen die Deutschen automatisch, was im Ausland lang gefordert wurde: eine Stärkung des Binnenkonsums. Das passt freilich nicht zu der allseits getrommelten Behauptung, die Schere zwischen Reich und Arm ginge immer weiter auseinander. Tatsächlich stieg der Gini-Koeffizient, der diese Schere misst, in den letzten zwei Jahrzehnten (anders als in Österreich) recht deutlich an: von 0,26 auf 0,30. Das war vor allem eine Folge des Globalisierungsdrucks. An der Agenda 2010 kann es nicht gelegen haben: Just seit diese Reformen greifen, stagniert der Messwert.

Die Einkommensschere ist damit immer noch kleiner als im OECD-Durchschnitt. Die Südeuropäer haben also schon recht mit ihrer Ferndiagnose: Den Deutschen geht es gut. Nur müssen sie sich beeilen, das selbst zu begreifen, bevor sie ihren Erfolg erfolgreich schlechtgeredet haben.

Glossar

„Minijobs“
haben deutsche Arbeitnehmer, die ausschließlich geringfügig beschäftigt sind. Solange sie nicht mehr als 400 Euro verdienen, bleiben sie steuerfrei. Die Arbeitgeber leisten eine günstige Pauschalabgabe. Damit soll der Schwarzmarkt eingedämmt werden.

„Aufstocker“
sind Empfänger von Hartz-IV-Hilfe, die dennoch einer Beschäftigung nachgehen. In drei Viertel der Fälle verdienen sie sich mit geringem Arbeitseinsatz etwas dazu. Es gibt aber aber auch Vollzeit-Aufstocker, die von ihrem Lohn nicht leben können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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