Helga Nowotny: "Welche Gesellschaft wollen wir haben?"

AUSTRIA'06: Die erste Kandidatin, die Wiener Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny.

Eine emeritierte Professorin stellt man sich anders vor: mit einem Glanz von Weisheit in den Augen, bedächtig, weißhaarig. Helga Nowotny, bis 2002 Professorin für Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsforschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, ist nichts davon. Sie hat kurze schwarze Haare, ein spitzbübisches Lächeln um die Lippen und sieht nicht so aus, als ob sie es im Elfenbeinturm lange aushalten würde.
Dazu ist sie auch viel zu umtriebig: Wenn sie nicht gerade in ihrer "Heimat", dem Wiener Wissenschaftszentrum, schreibt oder forscht, trägt sie wahrscheinlich in London, Paris, Berlin oder Reykjavik vor. Oder diskutiert in Brüssel mit ihren Kollegen vom Wissenschaftsbeirat des neu gegründeten European Research Council (ERC). Dieser soll im ersten Jahr, also ab 2007, exzellente Wissenschaftler, die am Beginn ihrer Karriere stehen, in der Grundlagenforschung finanziell unterstützen. Als Vizepräsidentin entscheidet Nowotny über die Vergabe der Fördergelder (300 Millionen Euro im ersten Jahr, insgesamt an die 7,5 Milliarden für sieben Jahre) mit.

Gentechnik versus Handystrahlen Wissenschaftsforschung - was ist das überhaupt? "Die Wissenschaftsforschung beschäftigt sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive mit dem Funktionieren des Wissenschaftsystems. Dazu gehören auch die Spannungen, die zwischen Wissenschaft und Gesellschaft immer wieder auftreten. Es geht dabei oft um wirkliche oder vermeintliche Risiken und um den Stellenwert von wissenschaftlicher Expertise in der Gesellschaft. Wieso sorgen gentechnisch veränderte Lebensmittel für so großes Aufsehen, Handystrahlen aber nicht? Wie kann man einen sinnvollen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einleiten?", erläutert Nowotny. Eines ihrer ersten großen Einsatzgebiete waren die Diskussionen um das Atomkraftwerk Zwentendorf. Nowotny war bei politischen Verhandlungen und in Expertengruppen anwesend, interviewte Atombefürworter wie auch Atomgegner unter den Wissenschaftlern. "Unsere Aufgabe ist es, zu analysieren, wieso Konflikte entstehen, wieso sich Fronten verhärten."

Damals, in den 70er Jahren, gab es das Gebiet der "Wissenschaftsforschung" in Österreich noch gar nicht. Wie kam die Juristin und Soziologin eigentlich auf die Idee, sich damit zu beschäftigen? "Einer meiner Lehrer an der Columbia University in New York war Robert K. Merton, der Begründer der Wissenschaftssoziologie. Und 1972 verbrachte ich bei einem Sabbatical ein Jahr in Cambridge. Das Kings College bat mich damals, ein Seminar mit dem Titel ,Sociology of learning, science and belief' zu halten. Ich fand das sehr spannend."

1985, nach langen Wegen durch die Bürokratie, wurde dann auch in Wien ein Institut für "Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung" gegründet. "Die Wissenschaftsphilosophie gab es schon lange, mir war die sozialwissenschaftliche Seite der Wissenschaft ein großes Anliegen." Rund zehn Jahre blieb Nowotny ihrem Institut treu, dann, 1995, wartete eine neue Herausforderung: ein Lehrstuhl an der ETH Zürich.

Wenn sie die wichtigste Erkenntnis ihrer Tätigkeit in einem Satz zusammenfassen müsste, wie würde der lauten? "Wissenschaft ist eine ganz besondere, unser Leben ständig verändernde, Form einer kulturellen Praxis. Als solche drückt sie auch aus, welche Gesellschaft wir haben wollen".

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.