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Amon: "Ideologische Barrieren zur Seite schieben"

Amon:
Werner Amon(c) APA/HELMUT FOHRINGER (Helmut Fohringer)
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Werner Amon, Bildungssprecher der ÖVP, über die Zentralmatura und langwierige Reformprozesse im Schulbereich. Mit Ministerin Claudia Schmied stimmt die Chemie.

Die Presse: Ist die Verschiebung der Zentralmatura für Sie eine Niederlage oder ein Erfolg?

Werner Amon: Weder - noch. Das ist das Ergebnis von Überlegungen, die wir gemeinsam mit den Schulpartnern angestellt haben. Es erschien sinnvoll, die Qualität sicher zu stellen. Die scheint nicht in der Form gewährleistet zu sein, dass wir im Schuljahr 2013/14 flächendeckend damit beginnen können. Daher die Überlegung, ein Jahr dazu zu geben.

Ist der Zeitplan an einer über-ehrgeizigen Ministerin Schmied oder an der Umsetzung durch das BIFIE gescheitert?

Wir haben den Zeitplan 2009 fixiert um sicher zu stellen, dass es zur Reform kommt. Das war eines der ersten Projekte, die ich mit Claudia Schmied verhandelt habe. Natürlich liegt bei einem so ehrgeizigen Projekt der Teufel oft im Detail. Hinzu kamen eine Fülle von Aufgaben, die das BIFIE zu erledigen hatte. Es gab auch kürzlich einen Wechsel in der Geschäfstführung. All das führte dazu, dass die Vorbereitung nicht optimal lief.

Sie sehen die Schwierigkeiten am BIFIE als Grund?

Nicht nur. Bei den Schulstandorten gab es auch welche, die engagierter an die Sache herangingen als andere.

Das BIFIE steht oft in der Kritik, zu abhängig von der SPÖ zu sein.

Das BIFIE ist abhängig vom Bildungsministerium. Ich habe das BIFIE in der Vergangenheit immer auch kritisiert, weil man nicht für ausreichende Transparenz gesorgt hat. Es gibt das BIFIE noch nicht so lange, aber jede Arbeit ist auch verbesserungsfähig.

Ihre Zusammenarbeit mit Ministerin Schmied scheint gut zu laufen.

Das ist sehr richtig. Wir haben aus meiner Sicht eine exzellente Zusammennarbeit. Wir haben auch eine sehr tragfähige Vertrauensbasis.

Sie haben gesagt, es gäbe keine ideologischen Barrieren mehr. Wie kann man das verstehen?

Ministerin Schmied und ich haben am Beginn unserer Zusammenarbeit versucht, ideologische Barrieren eher auf die Seite zu schieben und die Dinge zu entwickeln, die möglich sind. Mit diesem sehr pragmatischen Ansatz sind wir, glaube ich, nicht so schlecht unterwegs.

Das scheint aber eher ein Zurücknehmen der ÖVP-Ideologie zu sein.

Nein, darum geht es nicht. Es geht um ein aufrechtes Aufeinander Zugehen in einer Koalition, wo man ja wohl nur dann etwas weiterbringen kann, wenn beide Seiten eine gewissen Fähigkeit zum Kompromiss haben. Dass wir das Bildungssystem weiterentwickeln müssen, ist unstrittig.

Umgesetzt werden aber die Ideen der SPÖ: Bildungsstandards, Zentralmatura, modulare Oberstufe, ...

Sie haben einen völlig falschen Eindruck. Die Bildungsstandards etwa wurden schon 2002 von Elisabeth Gehrer entwickelt. Die Oberstufenreform vertrat ich schon in meiner Zeit als Bundesschulsprecher.

Man hat oft das Gefühl, die ÖVP macht das, was die Lehrergewerkschaft sich wünscht. Treten Sie dieser auch mal entgegen?

Bei der modularen Oberstufe würde ich mir ein System wünsche, wo man Kurse und damit Lehrer auswählen kann. Auch bei unserer Positionierung zum Lehrerdienstrecht haben wir das gemacht: Wir sind etwa der Ansicht, dass Lehrer künftig mehr Zeit an der Schule verbringen müssen. Ein Lehrer ist ein öffentlich Bediensteter, der 40 Stunden Arbeit abzuleisten hat. Die wird auch geleistet, aber in einer Untergliederung von Unterrichtszeit, Vorbereitung, Nachbereitung, Korrrigieren etc. Dies wird man neu strukturieren müssen und den Schülern mehr Zeit zur Verfügung stellen müssen. Das kann Förderunterricht sein, qualifizierte Betreuung oder Aufgaben als Begleitlehrer. Die Kernzeit muss man neu definieren. Das führt zu flexibleren Einsatzmöglichkeiten.

Um außerhalb des Klassenraums in der Schule zu arbeiten, ist aber vielerorts einfach kein Platz.

Das ist richtig, Lehrer haben im Konferenzzimmer keinen echten Arbeitsplatz. Das darf aber auch keine Ausrede für ein neues Lehrerdienstrecht sein. Da bin ich bei Claudia Schmied, die mehr Mut zur Gleichzeitigkeit einfordert: Man muss sowohl ein neues Lehrerdienstrecht als auch Adaptierungen an den Standorten vornehmen. Als wir die Nachmittagsbetreuung mit 80 Millionen Euro zusätzlich beschlossen haben, wurde auch vereinbart, dass ein gewisser Teil in Schuladaptierungen fließt.

Ein sehr langfristiges Projekt.

Wie alles im Bildungsbereich. Man darf sich aber nicht auf das Henne-Ei-Problem zurückziehen.

Bei Lehrerausbildung und Lehrerdienstrecht ist das ähnlich.

Die einen sagen, wir können keine neue Lehrerbildung machen ohne neues Dienstrecht. Die anderen sagen, wozu das Dienstrecht, wenn wir noch gar nicht wissen, wie die neue Lehrerbildung aussieht. Darum geht es nicht. Jetzt wird das neue Dienstrecht verhandelt. Wir müssen weg von der Beurteilung nach Formalabschlüssen hin zu einer Funktionsbezahlung kommen. In der Folge müssen wir natürlich die Lehrerbildung neu aufsetzen. Das ist das Projekt, das wahrscheinlich längere Zeit in Anspruch nimmt.

Kann es dazu kommen, dass ein AHS-Lehrer in der Unterstufe weniger verdient als in der Oberstufe?

Das wäre ein Vorgriff auf die Verhandlungen. Denkbar ist vieles. Denkbar ist, dass Pädagogen, die eine gewisse Altersstufe unterrichten, gleich bezahlt werden und Pädagogen, die eine andere Altersstufe unterrichten, anders bezahlt werden.

Zurück zu den Bildungsstandards: Sie haben gesagt, dass die Ergebnisse anonymisiert veröffentlicht werden sollen und dass Sie von Schulrankings nichts halten. Warum nicht?

Weil wir jetzt erst begonnen haben, uns mit Bildungsstandards auseinander zu setzen. Wir haben sie im ersten Fach durchgeführt und sollten nun erst mal alle Testreihen abwarten. Durch Rankings Unruhe in die Schulen hineinzutragen, ist nicht Sinn und Zweck der Bildungsstandards.

Haben Eltern nicht das Recht zu wissen, wie die Schule, auf die sie ihre Kinder schicken, dasteht?

Man kann ja wohl nicht durch die Testung eines Faches einer Klasse auf die ganze Schule schließen. Allgemein glaube ich nicht, dass die Bildungsstandards geeignet sind, um Schulrankings vorzunehmen. Und es bringt wohl nichts, wenn Sie ihr Kind in einer Schule im Waldviertel haben und dann erfahren, dass eine Schule in Osttirol besser ist.

In den vergangenen 8 bis zehn Jahren wurden selten schulpolitische Ideen der ÖVP laut.

Ich weiß nicht, ob Ihr Eindruck richtig ist. Eine Reihe von gerade aktuellen Themen geht auf eine ÖVP-Idee zurück.

Die SPÖ wird das wohl anders sehen.

Die SPÖ sagt ja ständig, dass es ihr ja gar nicht so gefällt, wie die Neue Mittelschule aufgesetzt wurde. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich halte sie für eine wirklich gute Schule und bin überzeugt, dass das eine Erfolgsgeschichte wird. Die Idee, alle Hauptschulen zu NMS weiterzuentwickeln, ist von Josef Pröll gekommen und wir haben sie umgesetzt.

Wünschen Sie sich in der Hochschulpolitik eine SPÖ-ÖVP-Zusammenarbeit, wie Sie sie mit Ministerin Schmied haben?

Das ist niemals eine Einbahnstraße. Natürlich ist die Chance, etwas weiterzubringen, größer, wenn die Chemie stimmt.