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Hochgatterers heikle Operation an der Seele

(c) APA/ALEXI PELEKANOS/SCHAUSPIELHA (ALEXI PELEKANOS/SCHAUSPIELHAUS)
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Mit „Makulatur“ hat Paulus Hochgatterer ein geheimnisvolles Episodendrama über Beschädigte verfasst. Barbara-David Brüesch inszeniert es im Schauspielhaus mit starken Darstellern einen Tick zu übertrieben.

Der entlarvende Satz fällt gleich zu Beginn des Stücks „Makulatur“ von Paulus Hochgatterer, das am Sonntag bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus uraufgeführt wurde: Ein Mann in schwarzer Lederjacke mit schwarzer Reisetasche, der auf dem Schwedenplatz Leute beobachtet, sagt: „Sie glauben nicht, was da vorbeikommt an Wut, Einfalt und Hässlichkeit.“ Steffen Höld spielt diesen angeblichen Chirurgen Jablonski, der wahrscheinlich nur ein Aufschneider ist. In den 100 Minuten der Aufführung sieht man ihn vor allem beim Monologisieren und Verspeisen von Extrawurstsemmeln – unheimlich, kalt, scharf wie ein Skalpell ist Jablonski, beobachtet und wird beobachtet, das weiß er auch genau.

Überall an diesem Platz mit der U-Bahnstation sind Überwachungskameras angebracht, auf der Bühne (Damian Hitz) sind auf drei mit Metall verkleideten Stufen fünf Monitore platziert. Man sieht Verkehr, Passanten, leere Rolltreppen, Seltsames wie zum Beispiel Schildkröten oder ein Lichtermeer. Der Chirurg schaut demonstrativ in die Kamera, erklärt dem Publikum, dass die Polizisten in der Station nicht hören könnten, was man sage. Gefährlich seien nur Handlungen wie Geschlechtsverkehr oder der Hitlergruß, dann würde die Exekutive ausrücken.

In Hochgatterers Text wird auch Überwachung thematisiert. Das ist aber nicht der Kernpunkt des Dramas, in dem es zu diversen, teils absurden Begegnungen von sieben Personen kommt. Eine einarmige Trafikantin (Katja Jung) ist bestohlen worden und kommt so in Kontakt mit der Polizei (Christoph Rothenbuchner, Franziska Hackl). Die beiden Beamten ermitteln auch wegen Kerstin (Nikola Rudle), die von ihren Eltern als vermisst gemeldet wurde, einer Lehrerin (Barbara Horvath) und einem Architekten (Max Mayer). Alle sind ein wenig schräg und zumindest latent aggressiv. Makulatur, das ist die Papierschicht unter der Tapete, die Schäden überdecken soll. Hat die Trafikantin ihren Arm tatsächlich durch Krankheit verloren, oder hat sie sich aus Selbsthass Gesundes wegoperieren lassen? Sie wirkt anziehend auf das junge Mädchen, das Probleme mit seinem Bein hat. Auch die Polizistin leidet, will sich am Oberschenkel Fleisch raus schneiden lassen, weil sie glaubt, dass ihre Dienstwaffe zu weit absteht.

Langsam verbinden sich die Episoden, aber sie bleiben doch geheimnisvoll. Warum sind dieser Lehrerin Kinder so verhasst? Warum liebt ihr Mann, der im Zimmer der Tochter herumschnüffelte, die dunklen Keller? Das Paar deutet Szenen einer zerrütteten Ehe an. Warum hat die Tochter nur ein Post-it mit „Ich gehe“ hinterlassen und so viele Gipsabdrücke ihrer Glieder? Man ahnt Missbrauch, besonders als der Architekt und Jablonski einen Keller inspizieren.

200.000 Tote – da freut sich der Polizist

Diese Menschen sind alle beschädigt. Regisseurin Barbara-David Brüesch lässt die Defekte ganz abrupt ausbrechen. Da freut sich der Polizist über 200.000 Tote bei einem Erdbeben in Kuba, um sich im nächsten Moment der Trafikantin erotisch anzunähern. Da macht die Lehrerin aus Schüler-Arbeiten ein Fanal. Und der Chirurg, der seine Matura gefälscht hat und vom Rippenbogenrandschnitt träumt? Kriegt zu tun. Die Mehrzahl der Frauen hat ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Leib, ist bereit zur Verstümmelung.

Die Inszenierung wirkt etwas übertrieben im Versuch, Tempo zu machen, wenn Szenen allzu reflexiv werden. Der Text jedenfalls ist subtiler in seiner Dokumentation der kranken Psyche als die am Ende doch etwas gekünstelte Aufführung. Das liegt nicht am Ensemble: Höld und Jung sind Charakterköpfe, Hackl und der Grazer Gast Rothenbuchner setzen ihre Pointen genau, Mayer und Horvath reüssieren im Ehekrieg, Rudle spielt die Tochter erfrischend ernst. Alles in allem also doch: Operation gelungen.

Auf einen Blick

Paulus Hochgatterer. * 1961 in Amstetten. Kinderpsychiater, vielfach prämierter Autor.
Theater-Debüt mit „Casanova oder Giacomo brennt“ (2008). Zuletzt erschienene Prosa: „Das Matratzenhaus“ (2010), „Die Süße des Lebens“ (2006), „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“ (2003). Neuester Essay: „Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe“ (2012).
Termine: 5. - 10. Juni, 20 Uhr. Am 5. 6. gibt es nach der Vorstellung ein Publikumsgespräch.