Der Autor der „Satanischen Verse“ erhielt Rückendeckung von Regierungen und Prominenz. Nicht so der Rapper Shahin Najafi.
Ich gebe den stolzen muslimischen Völkern der Welt bekannt, dass der Autor der ,Satanischen Verse‘ sowie alle, die an der Veröffentlichung des Buches beteiligt waren, zum Tode verurteilt sind. Ich rufe alle aufrechten Muslime auf, diese Leute sofort hinzurichten.“ Mit diesen Worten ertönte die Stimme des geistlichen Oberhauptes des Irans Ajatollah Khomeini am 14. Februar 1989 auf Radio Teheran.
Sieben Tage danach beschlossen die EG-Länder, ihre Botschafter aus dem Iran abzuziehen. Wieder zwei Tage später hielten US-Autoren wie Norman Mailer und Susan Sontag eine Solidaritätslesung für Salman Rushdie ab. Und keine drei Wochen nach Ausrufung der Fatwa veröffentlichte das „International Committee for the Defense of Salman Rushdie“ eine Erklärung von über 1000 Intellektuellen wie Graham Greene, Samuel Beckett, Mario Vargas Llosa oder J.M. Coetzee: Die westlichen Regierungen müssten Druck auf den Iran ausüben, damit die Fatwa zurückgezogen werde.
23 Jahre später haben im Mai kurz hintereinander zwei Großajatollahs Fatwas gegen den in Deutschland lebenden iranischen Musiker Shahin Najafi ausgesprochen. Grund ist die angebliche Beleidigung des zehnten Imams der schiitischen Muslime, des im 9. Jahrhundert lebenden Ali an-Naqi. Najafi fordert diesen im Rap-Lied „Naghi“ auf, endlich mit den Missständen im Iran aufzuräumen.
Das Webportal „Shia Online“ hat 100.000 Dollar Kopfgeld ausgesetzt, der Name des 31-Jährigen steht auf Internet-Todeslisten, iranische Stellen sollen den Mordaufruf an in Deutschland lebende Iraner weitergeleitet haben. Aber von einer Unterstützung, wie sie Rushdie erfuhr, kann nicht die Rede sein. Günther Wallraff hat Najafi Unterschlupf gewährt, die „breite Solidarität“, die er fordert, ist nicht in Sicht. Michael Köhlmeier hat in der „Presse“ einsam gerufen: „Wer immer in der Religion, gleich welcher Religion, einen Weg zum Besseren sieht, der soll – jetzt! – seine ,Rechtsmeinung‘ über eine solche feige Schreibtischtäterei aussprechen!“ Rushdie dagegen, der einst so viel Hilfe erhielt, schweigt. Dabei ist Najafi schlimmer dran: Ein Autor kann im Verborgenen arbeiten, ein auf Auftritte angewiesener Künstler nicht.
Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez schrieb, die deutsche Medienberichterstattung zu Rushdie sei „exemplarisch in Bezug auf den Einsatz für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und die Grundrechte Salman Rushdies“ gewesen. Rushdies Fall wurde zum exemplarischen Kampf um künstlerische Freiheit und gegen religiösen Extremismus stilisiert – bzw. gegen „den Islam“, etwa in der Diktion Hans Magnus Enzensbergers: „Und wenn dem Rushdie auch nur ein Haar gekrümmt wird, dann wird es sehr teuer für den Islam.“ Solche Kollektivhaftbarmachung gehört nicht mehr zum guten Ton, heute herrscht das Bemühen um Differenzierung. Falsch verstanden könnte es dazu führen, dass Najafis Fall zur Privatsache wird. An seinem Tod wird am Ende niemand schuld gewesen sein, außer ein paar bösen Extremisten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2012)