Katja Kipping (34) soll als neue Co-Chefin die deutschen Genossen befrieden.
Heilfroh ist sie, dass es die Mauer nicht mehr gibt, die der Staatssozialismus errichtet hat: Sonst hätte sie ihren Mann nie kennengelernt. Unglücklich ist sie, dass ihre Genossen eine neue Mauer aufbauen, statt für einen demokratischen Sozialismus zu kämpfen. Zwischen Ost und West fliegen in der Linkspartei die Fetzen, die Wahl des Führungsduos glich einem Gemetzel. Als Sieger vom Feld ging ein West-Fundi – und Katja Kipping. Die 34-jährige Literaturwissenschaftlerin lässt sich von keiner Strömung vereinnahmen. Als Friedensengel soll sie wieder Ruhe in einen Laden bringen, in dem Alphatiere wie Lafontaine, Bartsch und Gysi alles Porzellan zerschlagen haben. Kipping versucht es mit einem anderen Tonfall („den Wettbewerb um die Lautstärke kann ich nicht gewinnen“), aber auch mit neuen Akzenten.
Die Tochter eines Ökonomen setzt sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Sie träumt von einer 20-Stunden-Woche, die allen genug Freiraum für die Muße lässt. Dabei hat die Dresdnerin eine Blitzkarriere hingelegt: mit 21 jüngste Abgeordnete im sächsischen Landtag, 2003 Vizechefin der PDS (und später der Linken), seit 2005 im Bundestag. Im November bekam die Feministin ein Baby, im Büro steht ein Wickeltisch, für ihren Mann gilt fifty-fifty. Und nun heißt es: Mauern einreißen – aber nur so viele Wochenstunden, dass auch noch Zeit zum Leben bleibt. gau[DPA]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2012)