Wiener Festwochen: Die Ruhe nach dem Massaker in Indien

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Symbolbild(c) Clemens Fabry
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Eine beeindruckende Schule des Sehens der „Visual Arts Performance“ aus Delhi auf der Bühne im Museumsquartier: „Seen at Secundrabagh“ umkreist in 50 Minuten eine alte Fotografie, erneuert ihre Bedeutung.

Eine große Leinwand, über die Nebelschwaden ziehen, davor eine gelbe Spielfläche, Stimmen aus dem Off der Bühne im Museumsquartier – das ist nicht viel zu Beginn der „Visual Arts Performance“ aus Delhi, die am Montag bei den Wiener Festwochen ihre Premiere im deutschsprachigen Raum feierte. Doch in nur fünfzig Minuten stellen Zuleikha Chaudhari und das „Raqs Media Collective“ Geschichte zum Greifen nah in den minimalen Raum.

Es geht um ein Massaker im heutigen indischen Bundesstaat Uttar Pradesh vor 155 Jahren. Zwei Darsteller (Kavya Murthy, Bhagwati Prasad) zeigen, was gewesen sein könnte – das ist beeindruckend, von hohem Ernst, lehrreich für jene, die sehen lernen wollen.
Auf der Leinwand enthüllt sich Stück für Stück eine gespenstische Szene. Erst sieht man nur das Fragment einer Säule, dann ein Fries, ein Tor, eine Gruppe von Männern mit einem Pferd. Die Schauspieler, die bald nach dem Beginn hinter der Leinwand hervortreten, reden über Vernunft, Zufälligkeit, nennen Jahreszahlen, die in die Mitte des 19. Jahrhunderts führen. Maschinenlärm ist zu hören, Vogelgezwitscher. Bald aber erscheint ein Skelett unten rechts auf der Leinwand, das Bild hellt sich auf: Die Gruppe mit dem Pferd steht im Hof eines Palastes, der von menschlichen Knochen übersät ist.

Wenn Knochen sprechen könnten

Das Bild, so klärt der Theaterzettel auf, stammt vom Kriegsfotografen Felice Beato. 1858, wenige Monate nach einem blutig niedergeschlagenen Aufstand im britischen Ostindien, hat er diese Aufnahme im Gartenpalast Secundrabagh in Lucknow gemacht, der Hauptstadt des einstigen Staates Awadh. Es ist eines der ersten Fotos, das menschliche Überreste zeigt, es wirkt wie gestellt. An die 2000 Sepoy-Rebellen wurden damals von britischen Truppen getötet.
Dieses Wissen kontrastiert mit der kontemplativen Art, in der die zwei Darsteller agieren. Sie loten das Bild aus. „To love is to lose“, heißt es. Sie vermessen den Raum mit professionellem Gerät, ziehen Linien auf dem Boden: „What if we could fold time?“ Fotos werden weggeworfen. Es wird aus Briefen zitiert, sie handeln in Frankreich, 1915, 1916. Sie schraubt Glühbirnen in ein Schild: „Seepage“ wird die Leuchtschrift ergeben. Er bindet sich einen rosa Turban.
Nun folgt die Erwähnung einer Inderin, die die Engländer vor 400 Jahren gefangen nahmen. Eine Uhr tickt. Immer wieder wird versucht, der Fotografie Bedeutung zu geben, mit Silhouetten, Schatten, einem Ballon. Wenn Knochen sprechen könnten, wären die Beinhäuser Opernhäuser, heißt es. Diskret sind die Abgänge. Es wird dunkel. Es wird hell. Doch das Bild grauenhafter Ruhe kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.
Termine: 6. und 7. Juni, 20.30 Uhr, Halle G im Museumsquartier

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