Neue Arzneimittel machen unzähligen Kranken das Leben leichter. Warum Research & Development so viel kosten und wer aller damit beschäftigt ist.
Österreich soll ein Innovationsland sein. Dazu müsse es mehr Forschungsgelder bekommen als die von der EU empfohlenen (und noch nie erreichten) drei Prozent des BIP, ätzt Heinrich Klech, der als Präsident und CEO der Vienna School of Clinical Research (VSCR) junge Forscher ausbildet. Denn der Return on Investment der Pharmabranche rechne sich über die eingesparten Behandlungskosten und käme direkt den Patienten zugute. Beispiele gebe es zur Genüge: H2-Blocker, welche die Magensäureproduktion kontrollierten und die Anzahl der Magenoperationen um 90 Prozent zurückgehen ließen. Oder Chemotherapeutika, dank derer Tumore dermaßen schrumpften, dass OPs vermieden oder zumindest schonender durchgeführt werden könnten. Oder Psychopharmaka, die den Patienten das Leben in geschlossenen Anstalten ersparen würden.
Solche „echten“ Innovationen sind rar und kostbar. Bloße „Verbesserungen“, etwa eine Reduktion der Nebenwirkungen um fünf Prozent, rechtfertigten nicht den enormen Forschungs- und Entwicklungsaufwand. Mit einer Milliarde (!) Euro pro Wirkstoff müsse man schon rechnen.
Warum das so hoch ist, macht Novartis Chief Science Officer Wolfgang Bonitz auch für medizinische Laien verständlich: „Zunächst die grundsätzliche Unterscheidung: Die Forschung sucht nach Molekülen, die nach einem Schlüssel-Schloss-Prozess in Krankheitsprozesse eingreifen. Die Entwicklung setzt an, wenn ein Arzneimittel gefunden und am Menschen getestet wird.“
Forscherglück
War früher das Entdecken solcher Moleküle eher dem Zufall zu verdanken, kennt man heute schon viele tausend solcher „Schlösser“. Der Computer hilft, den passenden molekularen Schlüssel dazu zu bauen (Computer Aided Drug Design). Das passiert in den großen preklinischen Forschungslabors. Novartis etwa betreibe eines in Cambridge, Massachusettes, und eines in Basel. In Österreich forsche nur mehr eine kleine dermatologische Gruppe am Wiener Rennweg.
Von zehntausend getesteten Substanzen bleiben im Schnitt 6,7 übrig, die synthetisiert und an Nagetieren erprobt werden. Laut Bonitz finden 99,9 Prozent aller Versuche an Mäusen und Ratten statt: „Man versucht zu verstehen, ob dieses Molekül im Organismus auch wirklich die Dinge tut, die man von ihm erwartet“ – also den Infekt stoppt, den Blutdruck senkt oder das Wachstum des Tumors bremst. Dabei interessieren den Forscher nicht bloß Wirkung, sondern auch Aufnahme bzw. Ausscheidung der Substanz - „das passiert nicht so selbstverständlich, wie der Laie denkt!“
Wer sich je gefragt hat, wieso ein Antibiotikum weiß, wo im Körper sich die Infektion befindet: Der Lehre von der Bewegung der Medikamente im Organismus ist eine eigene Wissenschaft gewidmet, die Pharmakokinetik.
Geduldsprobe Entwicklung
Hat eine Substanz alle preklinischen Tests bestanden, wird sie in drei Phasen am Menschen selbst getestet. Selbstredend ist dieses Feld strengstens reguliert, um Rechte und Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Allein dieser Bereich ist so komplex, dass ihm in der Ausbildung (siehe VSCR) ein eigener Schwerpunkt gewidmet ist.
In Phase I wird die Substanz an gesunden Probanden getestet – Bonitz: „Junge, gesunde Männer, die dafür ein kleines Honorar erhalten.“ Ziel ist es, Wirkung und Dosis herauszufinden.
In Phase II wird sie – meist an Universitätskliniken – bei genau selektierten Patienten angewandt, die zwar an der Zielerkrankung, nicht aber an Begleitkrankheiten leiden. Zum Beispiel: Um einen Blutdrucksenker zu testen, dürfen diese Versuchspersonen zwar Bluthochdruck, nicht aber Leber-, Nieren- oder Herzinsuffizienz diagnostiziert haben. Hier geht es wieder um Wirksamkeit, aber auch um etwaige Nebenwirkungen.
In Phase III werden dann Patienten mit den unterschiedlich-sten Nebenerkrankungen behandelt. Etwa 5000 Testpersonen müssen auf die „richtige“ Weise auf ein neues Medikament ansprechen, bis es der Europäischen Zulassungsbehörde EMA samt Stößen an Daten vorgelegt wird. Von ursprünglich bis zu 10.000 Substanzen bleibt am Ende nur mehr eine einzige übrig.
Berufsbilder
In der Forschung sind die Jobprofile vergleichsweise einfach zu beschreiben. Hier gibt es den Wissenschafter, der Arzneimittel konzeptuell oder anhand bekannter biologischer Mechanismen erdenkt, Moleküle synthetisiert und Testreihen aufbaut. Ihm zur Seite steht technisches Fachpersonal wie medizinisch-technische Assistenten, die unter Anleitung die Laboruntersuchungen durchführen.
Komplizierter sind die Profile in der Entwicklung. Der Medical Advisor (MA) ist Experte für ein oder mehrere Fachgebiete, arbeitet extern mit Spitalsärzten zusammen und berät intern Marketing und Vertrieb. Meist ist er Mediziner, Humanbiologe oder Biologe mit langjähriger Erfahrung.
Ein sehr gefragtes Berufsbild ist das des Clinical Research Associate (CRA). Er kümmert sich um Logistik und Organisation der Arzneimittelstudien. Ein naturwissenschaftliches Studium ist hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig. Viele CRAs sind ehemalige Krankenschwestern mit einschlägiger Zusatzausbildung.
Drug Regulatory Affairs Manager (DRA) kümmern sich um die Medikamentenzulassung. Sie wickeln die Registrierung mit den Behörden ab und halten die Zulassung aufrecht. Diese administrativ-organisatorische Tätigkeit verlangt äußerste Genauigkeit und Konsequenz und wird oft von Pharmazeutinnen mit Apothekenpraxis ausgeübt. Liebe zu Datenbergen und großen Mengen Papier sollte man jedenfalls mitbringen.
Zuletzt sorgt der Pharmacovigilance Manager (PVM) für die nötige Arzneimittelsicherheit. Wird von Arzt oder Patient eine bislang unbekannte Nebenwirkung gemeldet, wertet er sie aus und gibt sie eilig an Zentrale und Behörden weiter. Gewissenhaftigkeit und Präzision auch unter Zeitdruck sind ebenso notwendig wie profunde Kenntnis der rechtlichen Vorschriften. PVMs sind meist Pharmazeuten oder Biologen.
Forschungsgelder gesucht
Sofort mit der Entdeckung eines Wirkstoffes wird dieser zum Patent angemeldet. 20 Jahre ab Meldung gilt der Patentschutz – doch die Entwicklung des neuen Medikaments dauert im Schnitt zwölf Jahre (Tendenz steigend, weil immer aufwendigere Studien verlangt werden).
Die verbleibenden acht Jahre auf dem Markt müssen reichen, um die Entwicklungskosten wieder hereinzuspielen und andere, fehlgeschlagene Projekte abzudecken. Fund Raising bei privaten Investoren als menschenfreundliche Alternative findet hierzulande mangels steuerlicher Berücksichtigung wenig Nachhall. VSCR-Präsident Klech: „Um heute ein Philanthrop zu sein, braucht man viel Geld.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 9.6.2012)