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Yayoi Kusama: Pünktchen ohne Anton

Sie brachte die Kunstwelt schon in den Sechzigerjahren auf den Punkt: Derzeit erlebt Yayoi Kusama eine Renaissance und darf sich zur Louis-Vuitton-Künstlerriege gesellen.

Kunstsinnigen Menschen mit Modefaible wird in der letzten Zeit nicht wenig geboten. Ein ums andere Mal können sie Projekte bestaunen, die Künstler zu Designern machen und die Mode in Richtung limitierte Edition oder gar Readymade bewegen. So weit, so gut und – Stichwort „Imagetransfer“ – markenstrategisch durchdacht.
Einen neuen Standard für perfekte Orchestrierung derartiger Initiativen setzt nun allerdings Louis Vuitton mit der Einladung, die man, selbstverständlich auf Initiative des Kreativdirektors Marc Jacobs, an die 83-jährige japanische Pop-Art-Pionierin Yayoi Kusama aussprach: Im Juli wird der erste Teil einer von ihr entworfenen Kollektion lanciert, die das Maison als bislang umfassendste ihrer Art ankündigt. Zeitgleich erreicht ein Retrospektivenmarathon seinen Höhepunkt, der im Mai 2011 seinen Ausgang nahm.

Auf Welttournee.
Damals nämlich eröffnete im Madrilener Museum für Gegenwartskunst, dem Reina Sofia, eine große Yayoi-Kusama-Schau. Produziert wurde diese in Zusammenarbeit mit der Tate Modern, weitere Kooperationspartner waren das Centre Pompidou und das Whitney Museum. So wanderte die Ausstellung, die von Frances Morris, Leiterin der internationalen Sammlung der Tate Modern, kuratiert worden war, über Paris nach London, wo sie vor wenigen Tagen schloss. Das Finale dieser Odyssee, die Kusama in vier der wichtigsten Kunstmuseen der Welt sehr prominent positionierte, steigt in New York mit der Whitney-Vernissage am 13. Juni. 
Faszinierend gut abgestimmt auf diesen Ausstellungsparcours ist das Timing, mit dem Louis Vuitton die von Kusama entworfenen Produkte lanciert.

Die Luxusmarke, die zudem als Hauptsponsor der Wanderausstellung auftritt, lanciert ihre Kollektion in zwei Schüben, vor und nach dem Sommer. Ab 10. Juli werden Teile erhältlich sein – vor Kurzem wurden erste Bilder von Entwürfen in Umlauf gebracht, die für den nötigen „Buzz“ sorgen sollen. Vielleicht will man ja die unbewusste Assoziation erzeugen, dass dieser Verkaufsstart den eigentlichen Höhepunkt der aktuellen Kusama-Renaissance darstelle. Dazu auch die Bemerkung einer Kunstmarktexpertin im britischen „Economist“ (der in einem Ranking der „Top Ten Post-War Female Artists“ die Japanerin an fünfter Stelle reiht): „Die breite Aufmerksamkeit, die ihr durch diese Kooperation zuteil wird, dürfte sich positiv auf Kusamas Marktwert auswirken.“

Diese Aussage legt nahe, dass einer Einladung, die Louis Vuitton an einen Gastkünstler ausspricht, von Kennern mittlerweile ähnlich positive Wirkung für sein Rating zugeschrieben wird wie etwa dem Bespielen eines Biennale-Pavillons. (Diese Kür hat Kusama bereits 1993 absolviert.) Zugleich hat die – obendrein sehr produktive – Japanerin solche Schützenhilfe nicht unbedingt notwendig, erzielten ihre Arbeiten doch unter jenen aller Gegenwartskünstlerinnen bislang den höchsten Gesamtumsatz. Das teuerste von ihr geschaffene Werk wurde im Herbst 2008 bei Christie’s um 5,8 Millionen Dollar versteigert, und gerade erst kamen bei Phillips de Pury, einem Garanten für hochkarätig bestückte Auktionen, drei ihrer Arbeiten für insgesamt 1,3 Millionen Dollar unter den Hammer. Womöglich steht demnächst ein neuer Auktionsrekord bevor?

Endlich berühmt.
Der Künstlerin selbst mag weniger am Geld gelegen sein als an Anerkennung durch ihresgleichen. Ihre Jahre in New York waren äußerst fruchtbar. Sie galt als eine der Pionierinnen der Pop-Art, machte mit einem bisweilen als „obsessiv“ charakterisierten Œuvre von sich reden, entdeckte als Erste den unendlich oft wiederholten Punkt als Gestaltungselement und schuf unverwechselbare Environment-Installationen. Als sie Anfang der Siebzigerjahre nach Japan zurückging, wurde sie aus dem Zentrum des Kunstgeschehens verdrängt. In London meinte aber Frances Morris bei der Eröffnung der von ihr kuratierten Retrospektive, dass Kusama „nun endlich jene Berühmtheit erlangt, von der sie in ihrer Jugend geträumt hatte“. Ihrer Betroffenheit ob der Zurückweisung durch das Establishment verlieh auch Kusama selbst in einer ihrer raren Wortmeldungen Ausdruck: „Bis heute habe ich nicht das Gefühl, es als Künstlerin geschafft zu haben.“ Dieser Wahrnehmung widersprach freilich Chris Dercon, Direktor der Tate Modern, und freute sich über Kusamas Anwesenheit bei der Vernissage: „Dieser Umstand genügt, um die Ausstellung in London als wichtigste aller Stationen auszuweisen.“

Am Rande des Geschehens wurde Yayoi Kusama, die in Japan sehr zurückgezogen lebt, vom britischen „Telegraph“ übrigens auf ihr Verhältnis zum anderen Großmeister des Pünktchenmusters, Damien Hirst, angesprochen: Sie schätze seine Arbeit ungemein, meinte sie, und stellte dann klar: „Die Punkte waren aber meine Idee, lange bevor er damit angefangen hat.“ Sollte Hirst also jemals eine Kollektion für Louis Vuitton entwerfen (einen Vorgeschmack gab es bei einem Ausstellungsprojekt 2010 zu sehen), wird er sich eher an Haifische und Schmetterlinge halten müssen. Und das, obwohl Marc Jacobs eine besondere Vorliebe für Punkte aller Art hegen dürfte. Der Indizien gibt es ja genug. So bringt er im Herbst einen neuen Duft auf den Markt. Sein Name: „Dots“.

TIPP

Gute Nachrichten für alle, die den Start der Vuitton-Kollektion von Kusama nicht erwarten können. Das Schuhobjekt „Untitled“ (oben) wird ab 15. Juni bei „Reflecting Fashion“ im Mumok gezeigt. www.mumok.at