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Österreich will an Nigerias Boom mitnaschen

(c) Photonews.at/Georges Schneider/p (Photonews.at/Georges Schneider)
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Außenminister Spindelegger ist der erste österreichische Spitzenpolitiker, der Afrikas bevölkerungsreichstes Land besucht. Die Verstärkung der Wirtschaftsbeziehungen stand im Mittelpunkt der Gespräche.

Aus Lautsprechern plärrt Musik und vermischt sich mit lautem Stimmengewirr. Frauen in bunten Gewändern grillen auf offenem Feuer Fisch. Der Abacha-Barraks-Fischmarkt im Zentrum der nigerianischen Hauptstadt Abuja ist ein Ort der Lebensfreude.

Nichts weist mehr darauf hin, dass er vor eineinhalb Jahren ein Ort des Todes gewesen ist. Bei einem Sprengstoffanschlag auf den Markt im Dezember 2010 starben 100 Menschen, zahlreiche weitere wurden verletzt. Die islamistische Untergrundsekte Boko Haram („Westliche Bildung ist Sünde“) versucht mit ihren Aktionen Nigeria zu destabilisieren.

Boko Haram treibt vor allem im Norden des Landes ihr Unwesen. Auch in der Hauptstadt wurden Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Wirklich beeindrucken lassen will man sich im Alltagsleben in Abuja durch die Aktionen der Sektierer aber nicht – auch nicht auf dem Fischmarkt. Die weißen Plastiktische sind voll von Menschen, die Fisch speisen und nigerianisches Bier trinken.

Abuja pulsiert. Überall wird gebaut. An der Straße vom Flughafen Richtung Stadt werden gewaltige Kirchengebäude für die zahlreichen neuen Freikirchen gebaut. Die neuen Glaubensgemeinschaften sind ein gutes Geschäft. Doch auch sonst wächst Nigerias Wirtschaft, 2011 etwa um sieben Prozent.

 

300.000 Traktoren fehlen

Auch Österreich möchte daran stärker als bisher teilhaben. Zuvor will man ein Investitionsschutzabkommen mit Nigeria abschließen. Das ist eines der Themen, die Österreichs Außenminister und Vizekanzler Michael Spindelegger bei seinem Besuch in Nigeria anspricht. Die Bereiche Energie und Straßenbau seien besonders interessant für österreichische Unternehmen, dafür brauche es aber sichere Rahmenbedingungen.

Spindelegger ist der erste österreichische Spitzenpolitiker, der dem afrikanischen Land seit der Aufnahme politischer Beziehungen vor 50 Jahren einen Besuch abstattet. Nach Terminen in der Wirtschaftsmetropole Lagos traf er gestern in Abuja mit dem nigerianischen Präsidenten Goodluck Ebele Jonathan zusammen. Spindelegger übergab sechs Memoranden österreichischer Unternehmen, die in Nigeria aktiv werden möchten.

Nach dem Termin beim Präsidenten lief die Delegation dem nigerianischen Landwirtschaftsminister in die Arme. Der erklärte, Nigeria könnte ganz Südwestafrika ernähren, wenn es seine landwirtschaftlichen Flächen besser nützen würde. Für eine Modernisierung der Landwirtschaft würde er unter anderem 300.000 Traktoren brauchen.

Österreich hat mit Nigeria ein Handelsbilanzdefizit, weil es Erdöl einführt, selbst aber nicht viel in das afrikanische Land liefert. Eines der Produkte, die nach Nigeria exportiert werden, sind Vorarlberger Spitzen aus Lustenau. Der Vorarlberger Textilsektor wird vor allem von Auftraggebern aus Nigeria über Wasser gehalten.

 

Neues Rücknahmeabkommen

Am heutigen Freitag soll ein Rücknahmeabkommen mit Nigeria unterzeichnet werden. Darin verpflichtet sich Nigeria, eigene Staatsbürger, die aus Österreich ausgewiesen werden, wieder aufzunehmen und bei deren Identifizierung und der Ausstellung der nötigen Papiere zu helfen. Damit sollen in Österreich „1000 alte Fälle aufgearbeitet“ werden, sagte Spindelegger.

In Sokoto, im Norden Nigerias, will der Außenminister den dortigen Sultan, Alhaji Muhammed Saad Abubaker III., treffen. Der Sultan ist Präsident des Obersten Nationalen Rates für islamische Angelegenheiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2012)