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Science-Fiction-Autor Ray Bradbury ist tot

(c) EPA (PAUL BUCK)
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Er schrieb Dystopien mit Moral: Ray Bradbury, Autor von mehr als 500 Werken, darunter „Fahrenheit 451“ und die „Martian Chronicles“, ist im Alter von 91 Jahren in Los Angeles gestorben.

Ein Mann erzählt seinen Mitmenschen, er sei mit einer Zeitmaschine in die Zukunft gereist und wisse nun, dass die Welt zur Hölle gehen werde, wenn der Mensch sich nicht ändere. Er lügt, aber die Menschen glauben ihm. Ray Bradbury, der am 5. Juni mit 91 Jahren in seiner Heimat Kalifornien gestorben ist, hat diese selbstverfasste Geschichte besonders gemocht. Der Mann in „The Toynbee Convector“ sei in vieler Hinsicht er selbst, sagte er einmal.

Nur wer gut lügt – das heißt fabuliert –, dem hören die Menschen zu. Und das taten sie bei dem lese- und schreibfanatischen jungen Mann, spätestens als er 30 wurde und die „Martian Chronicles“ erschienen, eine Sammlung von 26 Kurzgeschichten über die Kolonisierung des Mars. „Fiction of ideas“ wollte Bradbury schreiben, und diese Ideen waren typisch für das zwischen Angst und Aufbruch hin- und hergerissene Nachkriegsamerika. Raumfahrtsromantik und Zivilisationskritik verbinden sich hier. Gegenüber den Marsianern benehmen sich die Eroberermenschen zerstörerisch wie gegenüber den Indianern. Als ein Atomkrieg schließlich die Erde zerstört, erkennen die Nachfahren der Kolonisatoren, dass sie die neuen Marsianer sind und der neue Planet ihnen eine zweite Chance auf eine gerechte Gesellschaft gibt.

 

Warner vor Verlust der Bücher

Wie der immer wieder sterbende und aus der Asche auferstehende Vogel Phönix sei die Menschheit, heißt es am Ende des 1953 erschienenen Romans „Fahrenheit 451“. Dank der Bücher könnten sich die Menschen an ihre Fehler erinnern und es doch irgendwann besser machen. Die Geschichte vom Feuerwehrmann Montag, die den prominentesten physikalischen Fehler der Weltliteratur enthält (Papier brennt bei 451 Grad Celsius), wurde durch François Truffauts Verfilmung 1966 zu Bradburys berühmtestem Werk. Montag verbrennt Bücher für einen diktatorischen Staat, der durch das gedruckte Wort die eigene Macht gefährdet sieht. Als er selbst zu lesen beginnt, mutiert er vom Bücherverbrenner zum Bücherretter. Schließlich flieht er zu einer Schar gleichgesinnter Outcasts in die Wälder. In ihnen liegt die Hoffnung auf einen Neuanfang: „Wir erinnern uns. Damit werden wir uns auf Dauer durchsetzen.“ Jeder Mensch sollte ein Buch auswendig können, mahnte Bradbury. Er sah die eigentliche Gefahr nicht in einer Diktatur, sondern in der freiwilligen Kulturzerstörung und -vergessenheit etwa durch das Fernsehen.

Trotzdem wurden viele seiner Geschichten fürs Fernsehen verfilmt, er selbst schrieb viele Drehbücher, u.a. das zu John Hustons „Moby Dick“-Verfilmung von 1956. Von Bradbury stammt die vom Original abweichende Schlussszene, in der der tote Ahab auf dem Wal angebunden aus dem Meer wieder auftaucht – ein Einfall, auf den er immer sehr stolz war.

Ray Bradburys großes Verdienst ist es, die als Kloliteratur verachtete Science-Fiction in die bürgerlichen Wohnzimmer gebracht zu haben. Seine moralisierende Zukunftsskepsis kam immer unterhaltsam daher. Er fabuliert assoziativ, oft mitreißend lyrisch, aus dem Bauch heraus, und verschont die Leser mit technischen Details. Bis zuletzt schrieb er täglich, über 50 Bücher hat er veröffentlicht. Die bestehen hauptsächlich aus Kurzgeschichten, für große Romane fehlte ihm die Geduld. Er sah sich als Sprinter und machte sich niemals Notizen, denn aus jedem Einfall wurde sofort eine neue Geschichte. Mit Arbeit habe seine Tätigkeit nichts zu tun, sagte er einmal, es sei ein „Spielen auf den Feldern Gottes“.

Dieser Enthusiasmus teilt sich dem Leser mit, auch wenn der Stil oft mager ist und die Charaktere papieren. Und auch wenn Bradbury als dystopischer Autor bekannt ist, seine Visionen bleiben nie beim Pessimismus stehen. An Optimismus glaube er nicht, erklärte er einmal – aber an optimales Verhalten. Wie Jules Verne zeigt er den Menschen in einer sonderbaren Welt voller Gefahren, über die er durch moralisches Verhalten triumphieren kann.

 

Prometheus auf dem Weg zur Sonne

Zu Bradburys berühmtesten Büchern gehören die frühen Kurzgeschichten-Sammlungen „The Illustrated Man“ und „The Golden Apples of the Sun“. Die Titelgeschichte der „Goldenen Äpfel der Sonne“ gehört wohl zu seinen besten und typischsten. Ihr Held, ein liebenswerter neuer Prometheus, steuert in einem Raumschiff die Sonne an. Er ist ein Feuerbringer der guten Art, will die Menschheit mit unendlicher Energie beschenken. Im selben Band findet sich „A Sound of Thunder”, eine der meistveröffentlichten Sci-Fi-Erzählungen: Ein Mann macht eine Zeit-Safari, um einen Dinosaurier zu erlegen. Dabei tritt er versehentlich auf einen Schmetterling – und verändert damit die Gegenwart.

Bradbury war fasziniert von Veränderung – und fand sie doch vor allem gefährlich. Auch das E-Book gefiel ihm nicht, erst nach langem Widerstand erlaubte er eine elektronische Version von „Fahrenheit 451“. Vor Büchern müsse man beten, meinte er. Auch wenn er selbst nicht daran glaubte: Das werden Leser auch weiterhin tun, mit und ohne Digitalisierung. Manche vielleicht noch lange vor seinen Büchern.

Leben und Werk

Geboren 1920 in Waukegan, Illinois, wurde Ray Bradbury schon in der Schule als Schreibtalent erkannt. 1938 beendete er die Los Angeles High School und veröffentlichte seine erste Erzählung. Den Pulitzer-Preis hat er genauso wenig bekommen wie den Oscar, für diesen war er immerhin nominiert (für sein „Moby Dick“-Drehbuch). Sein Werk war ihm stets wichtig. So ärgerte Bradbury, selbst politisch eher konservativ, sich sehr, als Michael Moore einen Dokumentarfilm „Fahrenheit 9/11“ nannte: Er nannte ihn „Drecksack“ und „fürchterlicher Mensch“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2012)