„Documenta“: Verschränkt bis zum Umfallen

(c) AP (Jens Meyer)
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Die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst muss sich erst von den exzentrischen Sagern ihrer Leiterin zu Ökofeminismus und Ganzheitlichkeit emanzipieren. Ein erster Eindruck enttäuscht.

Eine blasse Frau steht am Rand der Bühne und beißt Nägel. Knack, knack, knack überträgt das Mikrofon in die brummende Kasseler Stadthalle, randvoll mit Journalisten aus der ganzen Welt. Drei Minuten lang zelebriertes Warten, dann tritt Künstlerin Ceal Floyer ab. Und die Leiterin der „Documenta 13“, Carolyn Christov-Bakargiev, auf, um die weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst zu eröffnen.

Warten. Das hat die Amerikanerin mit bulgarisch-italienischen Wurzeln zelebriert wie keiner ihrer „Documenta“-Kollegen zuvor. Keine Künstlernamen wollte sie verraten. Kein Konzept erklären. Am liebsten gar nicht über Kunst reden. Konsequenterweise hätte sie besser ganz geschwiegen. Denn ihre exzentrischen Attitüden haben der „Documenta“ vor allem eines beschert: Dass heute jeder über das von ihr geforderte Wahlrecht für Erdbeeren und das Kunstinteresse ihres Hundes lacht, aber wenige über die Künstler reden. Irgendetwas ist hier schief gelaufen in der Kommunikationsstrategie.

Die zweite Frau, die nach Catherine David an der Spitze der „Documenta“ steht, verunsichert – durchaus beabsichtigt, wie sie betont: Extreme Naivität und extreme Intellektualität, extreme Sensibilität und extreme Unsensibilität fallen einem auf, verbunden mit einer Arroganz anderen humanoiden Lebensformen gegenüber. Wer nämlich das post-anthropozentrische, nicht-logozentrische, wachstums-skeptische, ganzheitliche und „ökofeministische“ Weltbild Christov-Bakargievs nicht teilt, wird abgekanzelt.

Diese Widersprüche bilden sich auch in der bisher wichtigsten Nebensache dieser „Documenta“ ab, der Ausstellung selbst.

Wachstumskritik, aber Expansion

Erst einmal das Beste: Jeder der rund 300 Teilnehmer bekam beachtlich viel Raum zugestanden. Dazu musste ordentlich expandiert werden (von der Chefin, die dem Wachstum so skeptisch gegenübersteht): Neben den Hauptorten Fridericianum, Neue Galerie, Orangerie, Kulturbahnhof und dem Aue-Park werden Stadthäuser, der ehemalige Luftschutzbunker, die Weinbergterrassen, alte Kinos, Kaufhäuser, eine Tiefgarage etc. bespielt. Eine positive Zumutung, so gut hat man Kassel noch nie kennengelernt. Die negative Zumutung: Man muss das Begleitbuch mitschleppen, denn Erklärungen zu den Werken sind rar, den meisten Platz auf den Schildern nehmen die Sponsoren ein (wo doch die Chefin dem Kapitalismus so skeptisch gegenübersteht). Ohne Erklärungen steht man bald an, sind doch der Großteil der von Christov-Bakargiev angesammelten (nicht ausgewählten, bitte!) Künstler dem durchschnittlichen humanoiden Besucher unbekannt. Macht nichts. Schleppen muss man den immerhin schmäleren der beiden fetten Documenta-Katalog-Ziegel trotzdem.

Das zahlt sich manchmal gar nicht, manchmal wirklich aus – manche Werke sind wunderbar: Rabih Mroués Installation im Bahnhof etwa, die als Daumenkinos in menschliche Hände zurückgelegten YouTube-Videos von Opfern der syrischen Revolution, die begonnen haben, die Schießenden, die sie verletzen oder töten, mit dem Handy zu filmen. Oder Theaster Gates' reanimiertes Hugenottenhaus, ein leer stehendes, einst bombenzerstörtes Wohnhaus, das seine Truppe aus Künstlern und Sozialfällen mit dem Material flickte, das sie beim Abriss eines ebenso verfallenen Hauses in Chicago gewonnen hatten. Jetzt ist das Hugenottenhaus eine vibrierende Wohn-, Feier- und Konzertstätte.

Parallelausstellung in Kabul

Diese Verschränkung von Orten, aber auch von Zeiten und Phänomenen, bildet einen Leitfaden. Von Anton Zeilingers verschränkten Photonen, die im Fridericianum mit Äpfeln auf den Bildern des NS-Verweigerers Pfarrer Korbinian Aigner „tanzen“ und mit den peniblen Netzwerken zwischen Politik und Wirtschaft von Mark Lombardi „kommunizieren“, bis zur künstlerischen Achse Kassel-Kabul. Auffällig viele Teilnehmer haben Wurzeln im arabischen Raum, vor allem in Afghanistan, wo in Kabul eine Parallelausstellung der „Documenta“ stattfindet, besonders schön verbunden durch die Arbeit von Mariam Ghani. An beiden Orten spürt sie filmisch den Gemeinsamkeiten zwischen dem Fridericianum und dem zerstörten Darulaman-Palast nach: Beide waren Wahrzeichen für Fortschritt wie für Niedergang, beide sind zerbombt, beide als Parlamentsgebäude gedacht. Eines davon hat sich wieder erholt.

Diese „Documenta“ ist eine stark politische, über die Zeiten und Themen, über einige Plattitüden, einige Peinlichkeiten und einige Subtilitäten hinweg. Ins Jubeln kommt man nicht, richtig „unbequem“, wie Christov-Bakargiev es sich wünscht, ist sie aber auch nicht. Sowohl der ganzheitliche Ansatz mit Einbeziehung von Wissenschaftlern, Literaten etc. als auch die ökologische Kampfansage der Schrebergarten-Hütten, die den Aue-Park zu einer Art postnationalen Venedig-Giardini (von ebenso variierender Qualität) macht, als auch die junge politische Global-Biennale-Kunst sind nicht neu. Selbst die Prüderie – null Sex! – ist nicht ungewöhnlich für eine Documenta. Bis auf die Aussichtsplattform aus Galgen, die Sam Durant in den Park stellte und den Chor von Thomas Beyrles Automotoren-Betschwestern in der Documenta-Halle gibt es wenig fototaugliche Großinstallationen. Mediale Verweigerung wahrscheinlich. Nett. Aber zu wenig für fünf Jahre Wartezeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2012)

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