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Verhaltensregeln: „Compliance macht man nur, wenn man dazu gezwungen ist“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Während sich die Politik über die Transparenz bei der Parteienfinanzierung nicht einig ist, sind Konzerne zum Handeln gezwungen.

Wien/Red. Über Marketing-Gags und Gutmenschgetue sei man längst hinweg. Spätestens seit den großen Skandalen bei der Telekom Austria, Hypo Alpe Adria oder Bawag sind Verhaltensregeln auch in heimischen Unternehmen keine leere Worthülse. Internationale Konzerne wie Siemens oder Daimler erklärten Integrität längst zur Chefsache. Beim deutschen Autokonzern ist der Bereich „Integrität und Recht“ Aufgabe eines Vorstands. Auch in Österreich leisten sich Konzerne wie OMV, Siemens und Telekom einen sogenannten Compliance Manager.

All diese Unternehmen haben in der Regel eines gemeinsam, meint Peter Weissenberger und spricht aus Erfahrung: „Compliance macht man nur, wenn man dazu gezwungen ist.“ Weissenberger ist IT-Experte bei Kapsch. Sein Job ist es, Firmenkunden beim Thema Verhaltensregeln zu beraten und zu unterstützen. „Compliance“, meint der Manager, „ist eine Art Versicherung. Am Anfang stehe eine Kosten-Nutzen-Betrachtung aus Sicht der Geschäftsprozesse. Es gehe um die Frage: Wie hoch ist der Image- oder finanzielle Schaden, wenn sich Mitarbeiter eines Unternehmens etwas zu Schulden kommen lassen.

Und die Strafdrohungen durch Justiz, Börsenaufsicht, Kartellbehörden, Wettbewerbsbehörden und ähnliche Institutionen werden für Unternehmen immer empfindlicher. Nicht nur für internationale Konzerne. Horst Ortmann, Geschäftsführer der Grazer Bit-Gruppe, stattet seit 2008 Behörden und Firmen mit E-Learning-Programmen in Sachen Compliance aus. Zu seinen Kunden zählen die deutschen Bundesländer Hessen und Bayern sowie der österreichische Städtebund. „Wir versetzten Firmen und Organisationen in die Lage, sich an Leitlinien und Regularien zu halten“, sagt Ortmann. Die Lernmodule werden auf den jeweiligen Kunden abgestimmt. Am Ende erhalten die Mitarbeiter elektronische Unterlagen über Datenschutz, Informationssicherheit oder gesetzeskonformes Verhalten. Und natürlich überwacht die Software, dass jeder diese Unterlagen studiert und aufarbeitet. Falls nicht, geht automatisch ein Mail an die Personalabteilung. Womit der heikelste Punkt beim Themenbereich Compliance oder Corporate Social Responsibility erwähnt wäre. Denn je mehr Unternehmen nach außen als sauber, ethisch und integer in Erscheinung treten möchten, umso penibler müssen Mitarbeiter überwacht werden.

 

Wie Alkohol am Steuer

Dessen ist sich Karin Mair, Antikorruptionsexpertin beim Beratungsunternehmen Deloitte bewusst. Compliance dürfe nicht zur Verunsicherung von Mitarbeitern führen, betont sie. Das müsse behutsam umgesetzt werden. „Compliance passiert nicht von heute auf morgen“, sagt Mair, die im Beirat von Transparency International in Österreich sitzt. Aber passiert es bis übermorgen? Mair erinnert sich, als das Alkohollimit für Autofahrer von 0,8 auf 0,5 Promille gesenkt wurde. „Damals fürchtete die Gastronomie um ihre Existenz.“ Heute sei Alkohol am Steuer nicht mehr gesellschaftsfähig. „Ein absolutes No-Go“, meint sie. Vielleicht werde man in einigen Jahren ähnlich auf die aktuelle Debatte über Compliance und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen zurückblicken. Vielleicht gibt es dann auch eine transparente Parteienfinanzierung in Österreich?

Auf einen Blick

„Verantwortung – Macht – Gewinn“: Unter diesem Motto diskutieren Experten aus Politik und Wirtschaft über den Nutzen von Antikorruptionsrichtlinien und Verhaltensregeln in Unternehmen und öffentlichen Stellen am 12. Juni um 14.30 Uhr im Room7 (Marc-Aurel-Straße 7, 1010 Wien). Nähere Informationen unter www.bit.at/complianceday

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2012)