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Ich ist ein anderer

Warum er Schriftsteller geworden ist? Sten Nadolny hat mit dem Roman „Weitlings Sommerfrische“ eine witzig-ironische Antwort darauf gegeben. Eine Art literarische Autobiografie und ein philosophisches Gedankenexperiment.

Sten Nadolny wäre ein guter Richter geworden. Einer wie Wilhelm Weitling. Der wurde Richter, „weil dort die Freude winkte, zu richtigen, angemessenen, klugen Urteilen zu kommen“. Also das Gegenteil dessen, was ein Schriftsteller tut. Der neigt zur Zuspitzung, Übertreibung und Verfremdung. Und wenn man nun beides in sich verspürt? Nun, dann geht man eben auf „Sommerfrische“.

„Weitlings Sommerfrische“ heißt demnach Nadolnys Roman, in dem er auf ein Leben zurückblickt, das er nicht geführt hat. Das ist das Schöne an der Literatur: Sie kann nach Belieben erfinden, abschaffen, dazugeben, wegnehmen, sie kann Träume erfüllen und Leben zerstören – ohne dass es wehtut. All das macht der nunmehr 70-jährige Autor Sten Nadolny mit der Figur Wilhelm Weitling, dessen Biografie einige Gemeinsamkeiten mit seiner eigenen aufweist. Der Schriftsteller – ein guter nämlich – ist stets „Ein Gott der Frechheit“. Und an diesen Roman von 1994 schließt Nadolny auch an, wenn er sein Alter Ego Wilhelm Weitling auf „Sommerfrische“ schickt. Mit diesem Wort bezeichnet Weitlings Großvater „Wanderungen zwischen Zukunft und Vergangenheit“, auf die Nadolny seinerzeit schon Hermes, ebenjenen „Gott der Frechheit“, geschickt hat. So ungeniert, er aber hier Gott spielt, ist kühn. Das kann nur einem Autor gelingen, der über so viel Humor und Selbstironie verfügt wie Nadolny.

„Wenn wir Glück haben, entstehen Geschichten, die nicht nur auf die Wirklichkeit reagieren – schon gar nicht ,zeitgemäß‘ –, sondern selbst Wirklichkeit herzustellen vermögen.“ Das schrieb Nadolny bereits 1990 in seinen großartigen Poetik-Vorlesungen „Das Erzählen und die guten Ideen“. (Deren Lektüre im Übrigen angehenden Autorinnen und Autoren so manchen Schreibkursus ersparen würde.) Die Wirklichkeit des Wilhelm Weitling zu Beginn des Romans ist die eines pensionierten Richters, der an einem sonnigen Sommernachmittag in einem Ferienhaus am Chiemsee überlegt, ob er noch segeln gehen soll. Spät, als schon die ersten finsteren Wölkchen am Firmament aufziehen, entschließt er sich, seine „Chiemseeplätte“, einen Kahn mit Segeln, in Betrieb zu nehmen. Unterwegs zur Fraueninsel verdunkelt sich der Himmel rasant. Mitten am See erreicht ihn die Flaute. Noch versucht er, ans Festland zu rudern. Aber es ist zu spät. „Plötzlich ein strahlend blaues Leuchten ringsum, dann ein schmerzhaftes grelles Licht und ein grausamer Knall, der ihn so erschreckte, dass er umfiel.“ Und dann beginnt das eigentliche Buch.

Das Bootsunglück ist die Wiederholung eines Ereignisses, das Weitling als 16-Jährigen schon einmal ereilt hat. Auch damals wurde er auf dem See von einem Sturm überrascht und entging nur knapp dem Tod. Nun wissen wir von Sigmund Freud et al., dass die Wiederholung eines traumatischen Vorfalls Vertrautheit, Sicherheit und ein Gefühl für die eigene Identität herstellen soll. Genau dieses Gefühl auszulösen ist die mehr oder weniger gute Absicht des Erzählers. Denn der Blitz, der neben Weitling eingeschlagen hat, katapultiert ihn in einen zeitlosen Schwebezustand. Plötzlich weiß Richter Weitling nicht mehr, wer er ist: „Der Junge oder ich? Ich bin ganz eindeutig nicht er, sondern nach wie vor der alte Mann aus Berlin, aber für andere unsichtbar, Geist ohne Physis, gekettet an einen 16-Jährigen.“


Zwischen Zeiten und Identitäten

Nun ist Sten Nadolny ein zu kluger Autor, um seinen Richter etwa in einen Favela-Bewohner hineinzuträumen. Er weiß, schon „jede Kleinigkeit konnte seinem späteren Leben einen anderen Verlauf geben“. Und so geschieht es. Ab dem dritten Kapitel haben wir es deshalb mit einem Ich-Erzähler zu tun, der weder der jugendliche Willy noch der pensionierte Richter ist, sondern ein Wesen, das zwischen den Zeiten und Identitäten changiert und sich zuletzt in einem neuen Leben wiederfindet. Es empfiehlt sich bei Zeitreisen nämlich, nicht in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Es ist als Richter nicht leicht, sich im Leben eines Schriftstellers zurechtzufinden. Doch wer hätte sich noch nicht gewünscht, noch einmal neu anfangen zu können? Der schöne Traum vom Wiedergeborenwerden – nichts anderes macht die Literatur. So verpasst Nadolny seinem Helden mitten in der Geschichte einfach eine neue Biografie. Wobei es nicht unwesentliche Überschneidungen mit der alten gibt. Die Kindheit, an die er sich während der Zeit der Bewusstlosigkeit erinnert hat, scheint intakt geblieben zu sein. Heikler wird's schon, als ihm der Arzt im Spital, in dem er wieder zu sich kommt, ankündigt, seine Frau Stella werde ihn abholen. Stella? Als Richter war er mit einer Astrid verheiratet. Immerhin ist Stella dann eine wunderschöne, schwarzhaarige junge Frau. Da sie ihn mit Papi anspricht, stellt sich einerseits Erleichterung ein, andererseits: Mit Astrid ist er kinderlos geblieben. Zu Hause, wo immer das auch ist, trifft er dann auf Astrid. Auch wenn die ihre Haare nun nicht mehr kurz und streng wie eine Richtersgattin trägt, fällt Weitling ein Stein vom Herzen, dass es sie noch gibt. Obwohl sie natürlich rasch bemerkt, „dass ich mich an viele gemeinsame Erlebnisse nicht erinnerte, dafür aber an andere“, wird sie zum Verbindungsglied zwischen den zwei Leben.

Mit der Zeit wächst er hinein in sein neues Leben. „Ich googelte meinen Namen, ich telefonierte mein Adressbuch ab. Und ich las natürlich, was ich denn als Schriftsteller so geschrieben hatte.“ Dabei stößt er auf einen Roman über Ioannis Kapodistrias, das erste Staatsoberhaupt des von den Türken befreiten Griechenland. Das gibt Nadolny die Gelegenheit, auf seinen Millionenbestseller „Die Entdeckung der Langsamkeit“ zu sprechen zu kommen: „Seine Radikalität wirkte nicht allzu unfreundlich, und sein Nonkonformismus war letztlich doch konform genug, um Kapodistrias zu einem Erfolg werden zu lassen. Danach verlor er den Kontakt zum großen Publikum wieder, aber er blieb ein Name.“

Wer mit solcher Selbstironie auf ein Schriftstellerleben zurückzublicken weiß, der hat es mehr als verdient, ein Name zu bleiben. Mit „Weitlings Sommerfrische“ lässter dieses Leben noch einmal Revue passieren und sinnt zugleich darüber nach, was hätte geschehen können, wäre eine Weiche anders gestellt gewesen. Inspiriert scheint dieses philosophische Gedankenexperiment von Tom Tykwers Film „Lola rennt“, in dem die Hauptfigur dreimal dieselbe Zeitspanne mit kleinen Unterschieden durchläuft, was jeweils zu einem anderen Ausgang führt. ■





Sten Nadolny
Weitlings Sommerfrische

Roman. 224 S., geb., € 12,99 (Piper Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)